Waldweg mit Verbotsschild

Ikigai lässt sich nicht in vier Kreise pressen

Über einen Irrtum, Ikigai und Autonomie

Wenn du im Internet nach „Ikigai“ suchst, stößt du fast unweigerlich auf ein buntes Diagramm mit vier sich überschneidenden Kreisen "Was du liebst", "Worin du gut bist, "Was die Welt braucht" und "Wofür du bezahlt wirst".

Das bekannte Diagramm - und woher es stammt

Dieses sogenannte Ikigai-Diagramm wird weltweit geteilt, in Ratgeberbüchern abgedruckt und in Seminaren verwendet. Doch: Mit dem ursprünglichen japanischen Verständnis von Ikigai hat es wenig zu tun.

Die Grafik stammt vom spanischen Astrologen Andrés Zuzunaga. Er selbst hat sie nie „Ikigai“ genannt, sondern als Modell für Berufung und Lebensweg entwickelt. Erst später wurde sie mit Ikigai verknüpft - vermutlich, weil sie auf den ersten Blick gut zu der Idee passt, "seinen Sinn" zu finden.

Diagramm, das fälschlicherweise oft als Ikigai bezeichnet wird

Der Ikigai-Irrtum:
Dieses bekannte Diagramm stammt von Andrés Zuzunaga und hat mit dem japanischen Verständnis wenig zu tun

Das Diagramm kann dir helfen, über deine berufliche Orientierung nachzudenken oder verschiedene Lebensbereiche in Beziehung zu setzen. Doch es greift zu kurz, wenn es darum geht, was Ikigai im japanischen Verständnis meint.

Ikigai in Japan: eine Haltung zum Leben

Im Japanischen bedeutet iki "Leben" und gai "Wert". Ikigai beschreibt also das, was deinem Leben Wert gibt - das, weshalb es sich lohnt, morgens aufzustehen.

Morgenstimmung

Foto: Jürg Bolliger

Die japanische Ärztin und Psychiaterin Mieko Kamiya hat in ihrem Werk Ikigai-ni-tsuite sieben Dimensionen beschrieben. Sie zeigen: Ikigai lässt sich nicht in vier Fragen oder Kreise pressen. Es geht viel mehr um Werte, Bedürfnisse, Erfahrungen und Erleben.

  • Lebenszufriedenheit
  • Wachstum und Veränderung
  • Eine gute Zukunft
  • Resonanz
  • Freiheit
  • Selbstverwirklichung
  • Bedeutung und Wert

Ikigai ist keine To-do-Liste und auch kein Ziel, das du "erreichen" musst. Vielmehr ist es eine Haltung, ein Prozess, ein innerer Kompass, der sich im Alltag entfaltet - oft in kleinen Momenten: in einem Gespräch, in der Freude am Lernen oder in der Stille am Morgen.

Ikigai und Autonomie

Sowohl Ikigai als auch Autonomie, wie sie in der Transaktionsanalyse verstanden wird, sind kein Ziel, das du einmal erreichst und dann abhaken kannst. Beide sind vielmehr ein Weg, ein Prozess, in dem du immer wieder neue Aspekte entdeckst und vertiefst. Es geht um Lebensqualität, dich Schritt für Schritt freier, bewusster und verbundener zu erleben - im Einklang mit dir selbst, mit anderen und mit deiner Umwelt.

Eric Berne, der Begründer der Transaktionsanalyse, beschreibt Autonomie als Freisetzung oder Wiedergewinnung von drei Fähigkeiten: Bewusstheit, Spontaneität und Intimität.

Bewusstheit: die Welt mit deinen Sinnen wahrzunehmen, nicht durch die Filter von Erwartungen oder Bewertungen.

Spontaneität: frei aus verschiedenen inneren Möglichkeiten wählen zu können, statt Automatismen zu folgen. So entsteht Spielraum für Neues - und für authentisches Handeln.

Intimität: dich anderen offen und echt zu zeigen, ohne Masken und Spiele und damit Nähe und Verbundenheit zuzulassen.

Autonomie ist nichts, das du von außen bekommst. Sie steckt in dir – genauso wie Ikigai. Ihre Freisetzung oder Wiedergewinnung ist ein wunderbarer Prozess, der zu mehr Sinn, Wert und Freude in deinem Leben führt.

Ikigai und Autonomie - wie sie sich gegenseitig stärken

Ikigai und Autonomie haben viel miteinander zu tun: Beide verweisen auf eine innere Qualität, die bereits in dir vorhanden ist und die du entdecken und entfalten kannst.

Bewusstheit und Ikigai: Wenn du bewusst lebst, nimmst du die kleinen Freuden des Alltags wahr - den Duft des Kaffees, das Lächeln einer Kollegin, das Spiel von Licht und Schatten. Solche Momente sind oft die Quellen deines Ikigais.

Spontaneität und Ikigai: Wenn du die vielen Möglichkeiten zu denken, zu fühlen und zu handeln nutzt, eröffnen sich neue Wege. So entstehen Momente von Lebendigkeit und Sinn - sei es durch ein Lachen, eine unerwartete Idee oder eine Handlung, die dich erfüllt.

Intimität und Ikigai: Echtes Miteinander, tiefe Gespräche oder stilles Zusammensein können für dich zu intensiven Erfahrungen von Sinn führen. Oft sind es diese Begegnungen, in denen du spürst: Dafür lebe ich.

Fazit

Das verbreitete Ikigai-Diagramm mag ein nützliches Werkzeug sein, wenn es um berufliche Orientierung oder Lebensplanung geht. Doch Ikigai im japanischen Sinn geht tiefer: Es beschreibt eine Haltung zum Leben, die dich trägt – gerade auch in Zeiten von Schmerz oder Wandel.

Ähnlich wie die Autonomie in der Transaktionsanalyse bedeutet Ikigai nicht, etwas Neues von außen zu erwerben, sondern etwas Inneres freizusetzen. Es ist die Einladung an dich, dich zu fragen:

  • Was macht dein Leben lebenswert - hier und heute?
  • Wo erlebst du Sinn, Freude und Verbundenheit?
  • Wie kannst du diese Momente kultivieren und vermehren?

Ikigai lässt sich nicht in vier Kreise pressen - es ist eine lebenslange Reise und eine Quelle, die immer schon in dir liegt.

Drei Personen vor Laptop

Beitragsbild: mit KI erstellt


4. Oktober 2025
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