Besser ein Vollpfosten sein, als nicht beachtet werden

Besser ein Vollpfosten sein, als nicht beachtet werden

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Um es gleich vorwegzunehmen: ich unterstelle dir nichts. Du bist kein Vollpfosten (was auch immer du dir konkret darunter vorstellst). Kein Mensch ist ein Vollpfosten. Worum geht es denn in diesem Beitrag, wenn ich die Aussage im Titel schon gleich zu Beginn für ungültig erkläre? Und: warum verhalten sich Menschen manchmal so, als seien sie Vollpfosten (oder Ähnliches, das man mit unterschiedlichen Schimpfwörtern bezeichnen kann)? Lies weiter und du erfährst mehr darüber!

Bevor ich jedoch weiter auf das Thema Vollpfosten eingehe, geht es erst einmal um einen Hunger.

Der Hunger nach Anerkennung

Eric Berne, der Begründer der Transaktionsanalyse, hat verschiedene psychologische Bedürfnisse beschrieben. Er hat dafür den Begriff Hunger verwendet und damit deutlich gemacht, dass Stillen dieser Bedürfnisse genauso überlebenswichtig ist, wie das Stillen des Hungers nach Nahrung.

Einer von Bernes beschriebenen Hunger ist der Hunger nach Anerkennung. Anders formuliert: alle Menschen haben das Bedürfnis, wahrgenommen zu werden. Willst du nicht psychisch und/oder physisch drauf gehen, musst du dafür sorgen, dass dieser Hunger immer wieder gestillt wird.

Die Nahrung: Strokes

Der Hunger nach Anerkennung wird mit Strokes gestillt. Ein Stroke ist eine Einheit der Anerkennung. Immer wenn dir jemand in irgendeiner Form – verbal oder nonverbal – zeigt, dass er dich wahrnimmt, gibt er dir einen Stroke. Und umgekehrt gilt das Gleiche.

Warum ein englischer Begriff? Das englische Wort stroke bedeutet streicheln, kann aber auch ein Schlag sein. Diese doppelte Bedeutung passt gut, wenn es um die Arten geht, wie Menschen einander zu verstehen geben, dass sie sich wahrnehmen. Das kann nämlich auf angenehme oder auf unangenehme Art geschehen. Ein freundliches Wort, ein Lächeln stillt den Hunger nach Anerkennung genauso wie eine Beleidigung.

Stroke-Arten

Strokes können also in die Kategorien positiv und negativ eingereiht werden. Weiter können wir uns Fragen, ob ein Stroke bedingungslos oder bedingt ist. Bei bedingungslosen Strokes geht es um die Person in ihrem Wesen, um das Sein. Wie es die Bezeichnung schon sagt, ist ein bedingter Stroke an eine Bedingung geknüpft: Verhalten, Aussehen usw.

Kombinierst du bedingungslos/bedingt mit positiv/negativ, hast du vier Arten von Strokes:

  1. positiv – bedingungslos: Wertschätzung
  2. positiv – bedingt: Kompliment
  3. negativ – bedingt: Kritik
  4. negativ – bedingungslos: Ablehnung
Die 4 Arten der Anerkennung

Ernährungsgewohnheiten

Ähnlich wie beim Hunger nach physischer Nahrung, legen sich Menschen auch Gewohnheiten an, wenn es um den Anerkennungshunger geht. In der Regel beginnt die Entwicklung dieser Gewohnheiten schon in der frühen Kindheit. Ein Kind weiß (wenn auch nicht bewusst), dass es Strokes braucht, um zu überleben. Erhält es wenig positive Strokes und dafür immer wieder grössere Portionen an Kritik oder gar Ablehnung, wird es sich daran gewöhnen. Besser negative Aufmerksamkeit als gar keine.

Vollpfosten im Berufsalltag

Nun kommen wir zurück zu den Vollpfosten. Möglicherweise arbeitest du mit Menschen zusammen, die du gelegentlich mit diesem oder einem ähnlichen Begriff bezeichnest. Vielleicht machst du das in deinen Gedanken oder auch hörbar. Es gibt sie wohl überall, die Menschen, die sich so verhalten, dass der Titel Vollpfosten (oder ein alternatives Schimpfwort) als Bezeichnung passend erscheint.

Wahrscheinlich erahnst du nun schon, weshalb das so ist. Ja, es steht schon im Titel dieses Beitrags. Besser als Vollpfosten wahrgenommen werden als gar nicht.

Die Positive-Strokes-Unverträglichkeit

Da liegt die einfache Lösung auf der Hand: großzügig positive Strokes verteilen und niemand mehr muss sich unangenehm verhalten, um seinen Anerkennungshunger gestillt zu bekommen.

Leider ist es nicht ganz so einfach. Die Problematik liegt an den oben beschriebenen Gewohnheiten. Diese können nämlich auch zu einer Art Unverträglichkeit positiver Strokes führen. Menschen, die seit ihrer Kindheit erfahren haben, dass sie durch Vollpfosten-Verhalten mehr Aufmerksamkeit erhalten als durch ihr reines Dasein oder für positive Leistungen, werden Wertschätzung und Komplimente nicht annehmen können. Oder mindestens nicht verdauen. Diese positiven Arten von Strokes stillen ihren Anerkennungshunger nicht. Und wie bei physischer Nahrung braucht es auch Zeit, um die Ernährungsgewohnheiten umzustellen, wenn es um den Hunger geht, wahrgenommen zu werden.

Umgang mit Vollpfosten

Nichtsdestotrotz gebe ich dir noch sechs Anregungen zum Umgang mit Menschen mit, die sich wie Vollpfosten verhalten.

  1. Betrachte sie als Menschen, die sich wie Vollpfosten verhalten und nicht als Menschen, die Vollpfosten sind (zu diesem Thema passt auch der Beitrag Die Haltung ist mehr als die halbe Miete).
  2. Gib ihnen für Vollpfosten-Verhalten möglichst keine Aufmerksamkeit (negativ-bedingungslose Strokes).
  3. Vermittle ihnen ernst gemeinte Wertschätzung und Komplimente (auch wenn es nicht leicht fällt) und achte darauf, dass diese auch wirklich ankommen. Manchmal braucht es mehrmaliges Wiederholen, bis ein Mensch einen positiven Stroke schluckt, wenn er es nicht gewohnt ist.
  4. Wenn es angebracht ist, dass sprich auch negative Punkte an, achte jedoch darauf, dass du dies nur auf der bedingten Ebene tust. Benenne also ganz konkret, welches Verhalten oder welche Leistung deine Kritik betrifft. Und manchmal hilft es, auch noch zu erwähnen, dass die Kritik nichts mit dem Wert der Person zu tun hat.
  5. Grenze dich ab und hole dir positive Strokes von anderen Menschen, damit du nicht auf Strokes von Personen angewiesen bist, die hauptsächlich Vollpfosten-Verhalten an den Tag legen.
  6. Thematisiere bei Gelegenheit das Vollpfosten-Verhalten (vielleicht findest du etwas sanftere Worte dafür 😀) und vermittle was das bei dir auslöst.

Zwei Fragen an dich

Welche Erfahrungen machst du mit Menschen, die sich wie Vollpfosten verhalten?

Wie gehst du damit um?


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  • 25. April 2019
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