29. Dezember 2020

Rumpelstilzchen und das Dramadreieck

Rumpelstilzchen und das Dramadreieck

Vor ein paar Tagen haben wir uns im Rahmen von Märchen im Leben online über das Märchen Rumpelstilzchen unterhalten. Bis zu diesem Zeitpunkt war mein Eindruck von Rumpelstilzchen der eines hinterhältigen, bösartigen Wichts.

Doch ist das wirklich so? Durch das Nachdenken und das Gespräch über das Märchen ist mir aufgefallen, dass Rumpelstilzchen vielleicht gar nicht so bösartig war, wie ich dachte.

Mit der Brille der Transaktionsanalyse ist mir als erstes aufgefallen, wie viele Verträge im Märchen geschlossen werden. Interessant dabei ist, dass Rumpelstilzchen seinen seinen Teil der Verträge immer eingehalten hat.

Als zweites ist mir das Dramadreieck eingefallen. Kann es sein, dass Rumpelstilzchens bevorzugte Rolle diejenige des Retters ist?

Eine weitere Frage schliesst sich da an. Ist es nicht ein Widerspruch, vom Dramadreieck zu reden, wenn dem Miteinander klare Abmachungen – also Verträge – zugrunde liegen?

Um zu illustrieren, was ich meine, und dich anzuregen, über meine oben gestellten Fragen nachzudenken, lasse ich Rumpelstilzchen zu Wort kommen. Wie erlebt er die ganze Geschichte?

Rumpelstilzchen erzählt

Meinen Namen will ich nicht nennen. Der ist nicht relevant. Denn meistens bin ich allein. Es ist niemand da, der mich beim Namen nennt. Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass es niemanden gibt, der mich wirklich mag. In solchen Momenten weiss ich, was ich zu tun habe. Ich helfe jemandem bei einem schwierigen Problem. Dann werde ich gebraucht. Und wegen meiner Hilfe wird mich die andere Person mögen.

Ich spüre ganz gut, wenn jemand Hilfe braucht. Dafür habe ich gute Antennen entwickelt. Ich lasse dann alles liegen und stehen. Manchmal will man mich daran hindern, zu helfen. Gerade eben bin ich vor einer verschlossenen Tür gestanden. Doch ich lasse mich nicht vor Türen oder anderen Hindernissen aufhalten. Ich will helfen. Wenn ich das nicht mehr tun kann, bin ich einsam. Und ich befürchte, dass ich die Einsamkeit nicht über eine längere Zeit aushalten könnte.

Es ist mir gelungen, die Tür zu öffnen. Und jetzt stehe ich in einem fensterlosen Raum und sehe diese junge Frau inmitten von unzähligen Strohballen. Sie weint herzzerreissend. Ich erkundige mich nach dem Grund ihres Weinens, worauf sie zu erzählen beginnt. Ihr Vater habe beim König damit geprahlt, dass sie Stroh zu Gold spinnen könne. Der König habe sofort reagiert. Seine Augen hätten geleuchtet vor Gier. „Er hat angeordnet, dass mein Vater mich ins Schloss bringen muss“, berichtet sie schluchzend weiter. Der Vater habe das dann auch getan. Es zerreisst mir fast das Herz. „Was ist das für ein Vater …?“, denke ich. Doch meine Gedanken verweilen nur kurz bei diesem A******** von Vater. Meine Aufmerksamkeit gilt der jungen Frau. Ich bin von Mitleid erfüllt. Das Mitleid wird verstärkt, als sie mir erzählt, der König habe sie nun in diese Kammer gesteckt und werde sie töten, wenn am Morgen das ganze Stroh zu Gold geworden ist. Ich werde ihr helfen. Zufällig beherrsche ich die Fähigkeit, die nötig ist. Ich kann Stroh zu Gold spinnen.

Nun habe ich gehört, man solle eine Gegenleistung verlangen – nicht einfach so helfen. Keine Ahnung, weshalb das so ist, doch irgendjemand wird sich schon etwas dabei gedacht haben. Also frage ich sie, was sie mir den geben könne, wenn ich ihr behilflich sei. Sie bietet mir ihr Halsband an. Ok, das kann ich jetzt nicht wirklich brauchen, doch das ist egal. Der eigentliche Gegenwert ist für mich, dass ich gebraucht und hoffentlich dadurch auch geliebt werde. Ich setze mich ans Spinnrad und arbeite die ganze Nacht durch. Nach getaner Arbeit verabschiede ich mich mit einem wundervollen Gefühl. Ich bin zwar müde und ausgelaugt, doch ich weiss, dass ich diese junge Frau aus einer Notlage befreien konnte. Und das tut gut. Die Tränen sind durch ein Lächeln abgelöst worden. Das war mein Werk.

Gold

Zuhause angekommen lege ich mich erst mal hin. Die Nacht hat ganz schön Energie gekostet. So mag ich heute auch gar nicht tun, was ich mir eigentlich vorgenommen habe. Ich hänge ein bisschen rum. Das gute Gefühl des frühen Morgens weicht immer mehr einer inneren Unruhe. Denke ich dann an die Frau zurück, und wie ich ihr geholfen habe, geht es mir wieder etwas besser. Gegen Abend merke ich, dass mich die junge Frau wieder braucht. Also begebe ich mich wieder zum Schloss. Die Ereignisse der letzten Nacht wiederholen sich. Nur erhalte ich diesmal einen Ring. Den kann ich zwar auch nicht wirklich brauchen, doch was soll’s. Hauptsache ich kann wieder helfen und dadurch mein gutes Gefühl zurückgewinnen.

Der folgende Tag gleicht dem letzten. Ich bin richtig froh und erleichtert, als ich in der Nacht wieder helfen kann. Der König ist nämlich noch nicht zufrieden. Er hat die junge Frau zum dritten Mal mit der für sie unlösbaren Aufgabe betraut. Diesmal habe er ihr versprochen, sie zu heiraten, wenn sie den Auftrag erfüllt habe. „Wow!“, denke ich mir. Ich habe sie schon zwei Mal vor dem Tod bewahrt und diesmal wird sie dank mir Königin. Das gewohnte gute Gefühl breitet sich bei diesem Gedanken bereits aus. Doch dann gibt’s ein Problem. Auf meine übliche Frage nach der Gegenleistung hat sie keine Antwort. Sie habe nichts mehr, das sie mir geben könne. Ich denke nach. Sie braucht jetzt also meine Hilfe, um etwas zu finden, das sie mir geben kann. Meine Gedanken wandern. Als Königin wird sie reich sein. Ich könnte etwas von ihrem künftigen Reichtum als Entschädigung verlangen. Doch da ist noch etwas. Angst beschleicht mich. Wenn sie alles haben wird, wird sie meine Hilfe nicht mehr benötigen. Wem werde ich dann helfen können? Und da ist sie, die Idee. Sie taucht aus dem Nichts auf. „Versprich mir, wenn du Königin wirst, dein erstes Kind“, höre ich mich sagen. Erst befürchte ich, sie könnte sich über meinen dreisten Wunsch ärgern. Doch zu meiner Überraschung geht sie auf meinen Wunsch ein.

Nach einer weiteren Nacht, in der Stroh zu Gold gesponnen habe, fühle ich mich am Tag darauf gar nicht müde. Der Gedanke, dass bald ein Mensch da sein wird, der immer bei mir ist und den ich pflegen, begleiten und behüten kann, erfüllt mich mit einem Glücksgefühl das ich bisher nicht kannte. Ich fühle mich beschwingt.

Ein ganzes Jahr lang nähre ich mich mit der Vorstellung, wie es sein wird, dieses kleine Wesen bei mir zu haben, alle seine Bedürfnisse zu erfüllen. Die Vorstellung gibt mir Kraft, das Jahr zu überstehen. Dann ist es endlich soweit. Ich erfahre, dass die Königin ihr erstes Kind geboren hat. Zeit, mich zum letzten Mal zum Schloss aufzumachen.

Schloss

Meine Erwartung, dass die junge Frau, der ich aus der Patsche geholfen habe, ihren Teil der Abmachung einhält und mir das Kind übergibt, wird nicht erfüllt. Sie scheint zu erschrecken, als sie mich sieht. Beginnt zu jammern und zu weinen. Einmal mehr breitet sich Mitleid in mir aus. Ich komme ihr entgegen. Falls sie innerhalb von drei Tagen meinen Namen herausfindet, verzichte ich auf meinen rechtmässigen Anspruch und lasse das Kind bei ihr.

Ich bin fest davon überzeugt, dass sie keine Chance hat, meinen Namen herauszufinden. Den kennt nämlich niemand, ausser ich. Die Vorfreude wächst. Bald werde ich erhalten, was mir zusteht und was mir so gut tun wird. Das kleine Kind, das ich hegen und pflegen werde. Meine Vorfreude lässt mich übermütig werden. Ich tanze um mein Feuer und rufe mir selbst zu: „Heute back ich, morgen brau’ ich, übermorgen hol ich der Königin ihr Kind, ach, wie gut ist, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiss!“ Habe ich gerade eine Bewegung im nahegelegenen Wald wahrgenommen? Wahrscheinlich ein Tier, dass ich durch mein Freudengebrüll verscheucht habe.

Jetzt ist es soweit. Der dritte Abend. Bei meinen Besuchen gestern und vorgestern, konnte die Königin meinen Namen nicht nennen. Das wird auch heute so sein. Die Vorstellung, diesen kleinen Menschen mit nach Hause nehmen zu dürfen, erfüllt mich mit Freude und einem wundervollen Glücksgefühl.

„Nun, Frau Königin, wie heisse ich?“, frage ich sie – im Wissen, dass sie die Frage nicht beantworten können wird. „Heisst du Kunz?“, beginnt sie. Ich verneine. „Heisst du Heinz?“ Auch dazu gibt es von mir ein Nein. Die Königin gibt noch nicht auf: „Heisst du etwa Rumpelstilzchen?“ Ich erschrecke. Es ist wie ein Vulkan, der tief in meinem Inneren ausbricht. Alle meine Hoffnungen und Sehnsüchte sind zerstört. Es zerreisst mich …

autor des beitrags

Jürg Bolliger

Lehrender und supervidierender Transaktionsanalytiker TSTA-E, Supervisor und Coach bso / EASC

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1 × eins =

  1. Hallo Jürg,

    wunderbar geschrieben. Ein Danke dafür!

    Als ich dem Gespräch mit Armin Ziemler und Dir gelauscht habe, war für mich die Überraschungsaussage,
    " Rumpelstilzchen kann einem leid tun".

    Nachdem ich Deine Geschichte dazu gelesen habe,
    stimme ich der o.g. Aussage zu, Rumpelstilzchen ist nicht der "böse, giftige Zwerg " der in infamer Weise die Königstochter ausnutzt, sondern ein verletzliches Wesen, das Opfer seines Rettersyndroms wird……"

    Wie bei so vielen Menschen…

    1. Herzlichen Dank, liebe Luise!

      Ich habe auch ganz neu entdeckt, dass Märchenfiguren sich sehr gut dazu eignen, eine differenzierte Betrachtungsweise zu üben. Mit dem Ziel, dass es bei Menschen dann auch besser gelingt.

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