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Die 3P-Entwicklungsschnecke und ihr Einfluss auf persönliches Wachstum

In meiner Freizeit widme ich mich außerdem der Gartenarbeit. Etwas wachsen zu sehen, ist das Schönste der Welt.
Donna Leon

In meiner Freizeit widme ich mich außerdem der Gartenarbeit. Etwas wachsen zu sehen, ist das Schönste der Welt. Donna Leon

Frau Leons Begeisterung für Gartenarbeit teile ich nicht. Die Freude, zu sehen, wie etwas wächst schon.

Natürlich (im wahrsten Sinn des Wortes) ist es toll, einer Pflanze oder ein Tier wachsen zu sehen. Am meisten begeistert mich jedoch, wenn Menschen wachsen. Dabei geht es mir hier nicht um das Wachsen des Körpers (was auch faszinierend ist). Ich richte den Fokus auf inneres Wachstum. Persönlichkeitsentwicklung könnte man auch sagen.

Bedingungen für persönliches Wachstum

Damit in Donna Leons Garten etwas wachsen kann, müssen gewisse Bedingungen erfüllt sein. Licht, Wasser, Wärme. Vielleicht noch mehr. Doch da kenne ich mich als Nichtgärtner zu wenig aus.

Was wird für persönliches Wachstum benötigt?

Drei wichtige Bedingungen werden in der Transaktionsanalyse als die 3 P bezeichnet. Leonhard Schlegel nennt die 3 P als therapeutische Triade. Diese Bezeichnung deutet an, dass die Idee der 3 P ursprünglich aus dem psychotherapeutischen Umfeld stammen. Sie geht zurück auf Beiträge von Pat Crossman, Claude Steiner und Eric Berne und beschreibt drei Wirkkräfte oder eben Bedingungen für erfolgreiche psychotherapeutische Arbeit.

Die 3 P sind aufgrund meiner Erfahrungen nicht nur im therapeutischen Umfeld von Bedeutung. Sie sind überall dort hilfreich und beachtenswert, wo es um persönliches Wachstum geht. Dein eigenes und dasjenige anderer Menschen, die du beruflich begleitest. In der Beratung, im im Bildungsbereich, in sozialen Berufen, als Führungskraft oder wo auch immer. Die 3 P sind sozusagen Erde, Licht und Wasser im Garten des persönlichen Wachstums. (Alle Gartenfreunde mögen mir verzeihen, falls der Vergleich hinkt. Mir gefällt er.)

So, und was bedeuten nun diese ominösen 3 P? Jedes P steht für ein englisches Wort, das mit dem Buchstaben P beginnt (wer hätte das gedacht… 🙂 ):

  • Permission (Erlaubnis)
  • Protection (ermutigender Rückhalt)
  • Potency (Überzeugungskraft durch Autorität)

Die deutsche Übersetzung der Begriffe stammt von Leonhard  Schlegel.

Wie können nun die 3 P ausserhalb des psychotherapeutischen Kontextes genutzt werden. Um das zu veranschaulichen, beschreibe ich, welche Rolle sie für mich haben, wenn ich Kurse für für Menschen leite, die sich in einer beruflichen Neuorientierung befinden.

Erlaubnis (Permission)

Es ist mir wichtig, dass Kursteilnehmende die Erlaubnis haben, sich zu entwickeln. Dazu gehört, dass sie etwas ausprobieren und auch Fehler machen dürfen.

Erlaubnisse werden oft durch Haltungen und Handlungen vermittelt, die für mich selbstverständlich sind. Ich erinnere mich an einen jungen Mann, der grosse Mühe damit hatte, sich in der Kursgruppe auszudrücken. Worte fielen ihm nicht ein und er begann zu stottern. Am Ende des Kurses hatte er immer noch Probleme damit, doch es ging schon viel besser. In der Schlussrunde sagte er:

„Bisher habe ich immer die Erfahrung gemacht, dass mir niemand zuhört, wenn ich etwas in einer Gruppe sage. Hier habe ich zum ersten Mal erfahren, dass ich etwas sagen kann und andere mir zuhören.“

Diese Aussage hat mich berührt. Sehr berührt. Ich habe festgestellt, dass ich diesem Mann, ohne dass es mir bewusst war, die Erlaubnis gegeben habe, wichtig zu sein und sich mitteilen zu dürfen.

Schutz oder ermutigender Rückhalt (Protection)

Oft gehen die Teilnehmer am Anfang davon aus, dass ich hauptsächlich dazu da bin, ihnen Wissen einzutrichtern und sie zu kontrollieren. Es ist wichtig, dass die Kursteilnehmer merken, dass es mir um sie und ihre Entwicklung geht.

Ich bin von Anfang an bestrebt, eine Atmosphäre des Vertrauens aufzubauen, die es ermöglicht, zu experimentieren. Ein wesentlicher Faktor ist Vertraulichkeit. Die Frauen und Männer, die in meinem Kurs sitzen, dürfen darauf vertrauen, dass ich für mich behalte, was ich von ihnen erfahre.

Weiter gehört in dieses Kapitel auch das Recht, ein Kurselement nicht mitzumachen. Dieses Recht gestehe ich jeder Teilnehmerin und jedem Teilnehmer zu. Es wird selten davon Gebrauch gemacht. Doch das Wissen, dass die Möglichkeit da wäre, hilft sich zu öffnen und sich auf persönliche Prozesse einzulassen.

Und ganz wesentlich ist, dass ich nur das anreisse, das ich im Kurs auch halten kann. Das Thema „Vertrag“ ist mir hier sehr wichtig und hilfreich. Was gehört zu meinen Aufgaben? Wo sind die Grenzen? Ich spreche dann und wann auch persönliche Themen an. Doch nur dann, wenn sie erstens einen Zusammenhang mit dem Ziel des Kurses haben (berufliche Neuorientierung) und ich zweitens bereit und fähig bin, diesen Menschen im weiteren Verlauf des Kurses weiter zu begleiten.

Überzeugungskraft durch Autorität (Potency)

In den Bereich der Potency gehören für mich fachliche Kompetenz, Verantwortungsbewusstsein und innere Sicherheit. Die Teilnehmenden sollen spüren, dass ich selbst von dem überzeugt bin, was ich im Kurs mache. Ich erzähle oft von Erfahrungen, die ich selbst gemacht habe, und von Beispielen früherer Kursteilnehmer. Diese Berichte stärken meine Überzeugungskraft.

Sehr wichtig ist auch, dass ich dazu stehe, wenn ich eine Frage (im Moment) nicht beantworten kann. Dadurch wird den Teilnehmern klar, dass dort wo ich Antworten gebe, diese auch fundiert sind.

Salopp bezeichnet könnte man sagen, dass ich als Kursleiter “über der Sache” stehen sollte. Damit meine ich nicht eine überhebliche Haltung. Jedoch verfüge ich nur über die nötige “Potency”, wenn ich nicht in die persönlichen Themen der Teilnehmenden involviert bin.

Wenn ich Potency – oder eben diese Überzeugungskraft – leben will, dann darf ich mich auch nicht von den Rückmeldungen der Teilnehmerinnen oder Teilnehmer abhängig machen. Natürlich ist Feedback wichtig und hilfreich. Dagegen habe ich gar nichts. Im Gegenteil.  Ich verliere jedoch an Überzeugungskraft, wenn ich meinen Wert davon abhängig mache, dass die Männer und Frauen, mit denen ich arbeite, mich gut finden. Ich gebe mein Bestes. Findet mich jemand trotzdem nicht gut, bin ich immer noch „ok“. Hier ist es für mich entscheidend, Menschen ausserhalb meiner beruflichen Tätigkeit zu haben, von denen ich weiss, dass sie mich mögen und aktzeptieren – unabhängig von dem, was ich mache. (Mehr zu diesem Thema findest du im Beitrag Wie du das Selbstbewusstsein stärken kannst.)

Die 3P-Entwicklungsschnecke

Diese drei Bedingungen beeinflussen einander. Persönliche Entwicklung wird durch das Zusammenspiel der drei Faktoren gefördert. Ich stelle das als Schnecke dar – als Entwicklungsschnecke.

Erlaubnis und Rückhalt zeigen wenig Wirkung, wenn die Überzeugungskraft fehlt. Durch Rückhalt und Überzeugungskraft ohne Erlaubnis werden Menschen nicht dazu ermutigt, Neues auszuprobieren. Überzeugungskraft und Erlaubnis können Angst bewirken, wenn der Rückhalt fehlt.

3P Entwicklungsschnecke: Permission (Erlaubnis), Protection (Rückhalt), Potency (Überzeugungskraft)

Die 3P-Entwicklungsschnecke gibt dir einerseits Hinweise, wenn es um die Entwicklung oder das persönliche Wachstum von Menschen geht, die du in deiner beruflichen Rolle begleitest. So wie ich das beispielhaft von mir geschildert habe. Auch wenn es um dein persönliches Wachsen geht, lohn es sich, die Schnecke hinzuzuziehen. Wo erhältst du Erlaubnis? Oder wo holst du sie dir? Wer gibt die den ermutigenden Rückhalt, den du brauchst? Und wer unterstützt dich durch seine Überzeugungskraft?

Zum Schluss

Wie nutzt du die 3P? Für dich persönlich? In deinem beruflichen Kontext?

Schreibe einen Kommentar und lass damit mich und andere an deinen Erfahrungen teilhaben.

(Überarbeitete Version eines Blogbeitrag von 2013. Die 3P-Entwicklungsschnecke habe ich 2009 in meiner schriftlichen CTA-Arbeit beschrieben und 2010 im damaligen TA-Blog erstmals veröffentlicht.)

Jürg Bolliger
 

Transaktionsanalytiker mit Lehrberechtigung PTSTA-E, seit mehr als 20 Jahren begeistert von der Transaktionsanalyse

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Michael - 29. August 2017

Hallo Jürg,

danke für Deine Mail. Sie hat mich heute früh erwischt, als ich am Überlegen war, ob ich im Garten mal wieder einiges erledigen müsste….
Zu den drei P.
Ich habe schon öfter die Erfahrung gemacht, dass ich in einer Gruppe, bei der das Vertrauensverhältnis stimmt, in der Lage bin offen und frei über Persönliches zu reden. In einem anderen Rahmen wäre ich nicht in der Lage, vieles zusammenhängend zu sagen. Da fehlt mir dann oft der Faden… In einem geschützten Rahmen ist diese Blockade nicht oder nur schwach da.
Gestern hatte ich wieder einmal Chorprobe. Ich als Laie muss mich da schon intensiv vorbereiten. Wenn ich nicht von dem überzeugt bin was ich machen will, wird die Probe auch entsprechend.

Dir eine gute Zeit,

LG Michael

antworten
    Jürg Bolliger - 29. August 2017

    Lieber Michael

    Vielen Dank für deinen Kommentar. Spannend, dass das Thema Garten bei dir gerade passt 🙂

    Mir gefällt, wie du das, was als die 3 P beschrieben wird, in deinem Alltag lebst. Es ist gut, auch sich selbst den Schutz oder Rückhalt zu geben und darauf zu achten, in welchem Rahmen, was möglich ist.

    Herzlicher Gruss
    Jürg

    antworten
Ingrid Asche - 29. August 2017

Lieber Jürg, das Schneckenbild für die 3 P’s gefällt mir, wenngleich die Schnecke im Garten eher wachtumshemmend ist…;-)

Herzliche Grüße aus Regensburg
Ingrid

antworten
    Jürg Bolliger - 29. August 2017

    Liebe Ingrid, vielen Dank für deine Rückmeldung.

    Zur Schnecke im Garten: beim Schreiben habe ich mir tatsächlich noch überlegt, ob ich etwas dazu schreiben soll. Ich habs dann bleiben lassen, um den Hinweis einer aufmerksamen Leserin zu überlassen 🙂

    Sonniger Gruss
    (nicht aus dem Garten, sondern vom Balkon – ohne Schnecken)
    Jürg

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