14. August 2020

Bei diesen Fahrten beschlich mich immer ein beklemmendes Gefühl

Autofahrt

Es liegt schon einige Jahr zurück. Ich war zwanzig, hatte meine Berufsausbildung und die Rekrutenschule hinter mich gebracht und war bei der Kontrollstelle derjenigen Bank beschäftigt, bei welcher ich meine Ausbildung absolviert hatte. In einem kleinen Team besuchten wir die Bankfilialen für ein paar Tage mit der Aufgabe, zu überprüfen, ob alles seine Richtigkeit hat. Wenn ich „in einem kleinen Team“ schreibe, dann meine ich das. Das Team bestand aus genau zwei Personen: Herrn Kalt und mir. Mein Vorgesetzter war ein kompetenter, freundlicher und humorvoller Mann. Er hat mich exzellent in das neue Tätigkeitsgebiet eingearbeitet. Die Zusammenarbeit funktionierte einwandfrei.

Doch etwas war für mich purer Stress. Die Fahrten zu den Filialen, in denen wir gerade tätig waren, unternahmen wir gemeinsam. Das heißt, ich wartete an einem vereinbarten Treffpunkt bis der Ford auftauchte, öffnete die Tür, grüsste und setzte mich auf den Beifahrersitz. Manchmal war Herr Kalt gesprächig, manchmal weniger. Die Phasen der Stille waren für mich der pure Horror. Ich hätte etwas sagen können, um diese Stille zu durchbrechen. Doch es fiel mir einfach nichts ein. Je länger es dauerte, umso schwieriger wurde es.

Die Strukturierung der Zeit

Denke ich heute an diese Fahrten zurück, wandern meine Gedanken unweigerlich zu einer Aussage von Eric Berne, dem Begründer der Transaktionsanalyse:

Nicht nur für Jugendliche, auch für viele Erwachsene, ist nichts unbehaglicher als ein gesellschaftlicher Hiatus, eine Periode unstrukturierter Zeit, in der alle Anwesenden schweigen…

Eric Berne: Spiele der Erwachsenen (2012), S. 20

Sind wir alleine, haben wir drei Möglichkeiten, unsere Zeit zu gestalten:

  • einer Tätigkeit nachgehen
  • Fantasien, Träumen und Gedanken Raum geben
  • schlafen

Interessanter wird es, wenn es um die Frage geht, wie wir Zeit gestalten, die wir gemeinsam mit anderen verbringen. Darauf hat Eric Berne seinen Fokus gerichtet und sechs Arten beschrieben, wie gemeinsame Zeit gestaltet werden kann. Damit liefert er unter anderem eine Antwort auf die Frage, welche Möglichkeiten ich damals gehabt hätte, die Fahrten mit Herrn Kalt angenehmer zu gestalten.

Die sechs Arten, gemeinsame Zeit zu gestalten

Aktivitäten – die „bequemste Methode“

Im Gegensatz zu den Fahrten machte mir die Arbeit damals wirklich Spaß. Die Zusammenarbeit mit Herrn Kalt funktionierte reibungslos.

Die verbreitetste, angenehmste, bequemste und nützlichste Methode, die Zeit zu strukturieren, erfolgt über eine Unternehmung, die sich dem Stoff der äußeren Wirklichkeit widmet und die gemeinhin als Arbeit bezeichnet wird. Der Fachausdruck dafür ist Tätigkeit.

Eric Berne: Die Transaktionsanalyse in der Psychotherapie (2001), S. 83

Wenn Menschen gemeinsam einer Tätigkeit oder einer Aktivität nachgehen, ist die Kommunikation und das Miteinander vom Ziel der jeweiligen Unternehmung geprägt. Den Beteiligten ist daher klar, worum es geht. Egal ob der Schauplatz eine Bank, ein Schulzimmer, ein Sportplatz, eine Küche oder was auch immer ist.

Aktivitäten sind nicht nur angenehm (weil alle Beteiligten wissen, worum es geht), Eric Berne sieht sie auch als komplexeste Art der Zeitgestaltung. Sie könne nämlich die Grundsubstanz für die anderen fünf Arten sein. Es besteht die Möglichkeit, dass Menschen sich zwar mit einer gemeinsamen Tätigkeit befassen, jedoch zu einer der anderen Möglichkeiten der Zeitstrukturierung wechseln. Dies geschieht dann, wenn sie das gemeinsame Ziel bzw. den Zweck der Aktivität aus den Augen verlieren.

Rituale – stereotyp und vorhersagbar

Rituale stehen meist am Anfang und auch am Schluss von Begegnungen.

Rituale bestehen aus stereotypen vorhersagbaren Transaktionen wie z. B. Begrüßungs- und Abschiedsritualen.

Eric Berne: Grundlagen der Gruppenbehandlung (2005), S. 205

Sie vermitteln Sicherheit, weil alle wissen, wie sie ablaufen – vorausgesetzt man ist in die Rituale der jeweiligen Kultur eingeweiht.

Im Zusammenhang mit Ritualen erwähnt Berne auch Zeremonien. Sie erstrecken sich im Gegensatz zu Ritualen über einen längeren Zeitraum. Sitzungen, die nach einem festen Programm ablaufen, oder auch Feierlichkeiten wie Hochzeiten sind Beispiele für Zeremonien.

Bei formalen Zeremonien, etwa bei Hochzeiten, sind nicht nur die einleitenden und die abschließenden Phasen ritueller Natur, sondern auch die Hauptaktion. Vom Standpunkt der sozialen Dynamik aus, ist das charakteristische Merkmal des rituellen Verhaltens seine Vorhersagbarkeit.

Eric Berne: Struktur und Dynamik von Organisationen und Gruppen (1979), S. 217

Im Gegensatz zu Ritualen sind Zeremonien ähnlich komplexer Natur wie die Aktivitäten. Wie bei einer gemeinsamen Tätigkeit ist es auch innerhalb eines zeremoniellen Rahmens möglich, die Zeit mit den anderen Formen der Zeitstrukturierung zu gestalten.

Zeitvertreib – der klassische Smalltalk

Im Gegensatz zu den Ritualen ist das, was in der Transaktionsanalyse als Zeitvertreib bezeichnet wird, etwas weniger stereotyp und vorhersehbar.

Der Zeitvertreib wird weitgehend von einer sozialen Programmierung bestimmt, und zwar dadurch, dass man in akzeptabler Form über akzeptable Dinge spricht.

Eric Berne: Was sagen Sie, nachdem Sie ‚Guten Tag‘ gesagt haben? (2012), S. 40

Was Berne hier beschreibt, ist Smalltalk. Die Kommunikation verläuft auf einer oberflächlichen Ebene. Man spricht über Sportresultate, die neusten Smartphones oder – der Klassiker – übers Wetter.

Spiele – Heimlichkeiten schleichen sich ein

Zeitvertreib und Spiele liegen oft nahe beieinander. Der Unterschied liegt darin, dass die Kommunikation bei Spielen auf zwei Ebenen läuft. Es wird etwas gesagt (soziale, offene Ebene), jedoch etwas anderes gemeint (psychologische, verdeckte Ebene).

Es gibt zwei Arten von unverbindlichen Begegnungen: Zeitvertreibe und Spiele. Ein Zeitvertreib wird definiert als eine Begegnung, bei der die Transaktionen offen und direkt sind. Sobald etwas verheimlicht wird, wird der Zeitvertreib zum Spiel.

Eric Berne: Die Transaktionsanalyse in der Psychotherapie (2001), S. 97

Aufgrund der verdeckten Motive, die den Beteiligten meist nicht bewusst sind, enden Spiele meist für alle unangenehm und hinterlassen ungute Gefühle.

Intimität – alles kann, nichts muss

Mit Intimität ist in der Transaktionsanalyse eine offenherzige Vertrautheit gemeint, bei der sich die Beteiligten erlauben, ihre Gefühle und Gedanken transparent zum Ausdruck zu bringen. Es gibt keine Unaufrichtigkeit und kein Ausnutzen der anderen Person(en). Intimität bedeutet auch, dass jegliche Form von Druck („ich sollte jetzt …“) fehlt.

Wird gemeinsame Zeit mit Intimität gestaltet, werden die Sinne angeregt und es findet ein intensiver Austausch von Strokes statt, womit in der Transaktionsanalyse alle Formen gemeint sind, mit der sich Menschen zeigen, dass sie einander wahrnehmen. Insbesondere Wertschätzung (positiv-bedingungslose Strokes) wird in einem hohen Mass vermittelt. Mit Intimität werden somit gleich drei psychologische Grundbedürfnisse gestillt:

Das ist die einzig völlig befriedigende Antwort auf den Reizhunger, den Hunger nach Anerkennung und den Strukturhunger.

Eric Berne: Spiele der Erwachsenen (2012), S. 24

Rückzug – der Sonderfall

Wir wechseln zur gegenüberliegenden Seite der Skala, dahin wo keine Anerkennung und Zuwendung mehr vermittelt wird.

Wenn Eric Berne Rückzug beschreibt, versteht er darunter nicht, dass jemand weggeht und sich so physisch von anderen zurückzieht. Es geht um einen inneren Rückzug, ein Sich-Abkapseln. Man hängt eigenen Gedanken nach, ist geistig abwesend und kommuniziert darum nicht mehr mit den anderen.

Manche Menschen sind in einem Gruppentreffen zwar physisch anwesend, geistig jedoch abwesend. Sie nehmen nicht an den Vorgängen innerhalb der Gruppe teil, und wenn man die Sache näher verfolgt, dann kann man feststellen, dass sie mit irgendwelchen Fantasievorstellungen beschäftigt sind.

Eric Berne: Struktur und Dynamik von Organisationen und Gruppen (1979), S. 216

Berne unterscheidet drei Arten von Rückzug: Fantasien, unangepasste und angepasste autistische Transaktionen. Ich verwende dafür die Bezeichnungen frei, brodelnd und beklemmend.

Wer sich in den freien Rückzug begibt, fühlt sich gut. Er fantasiert, träumt oder denkt an etwas, das ihn gerade beschäftigt. Im brodelnden Rückzug ist man über andere Anwesende verärgert. Der Ärger wird jedoch nicht gezeigt. Dafür stellt man sich vor, was man mit der anderen Person am liebsten machen würde. Befindet sich jemand im beklemmenden Rückzug setzt sich diese Person selbst unter Druck, weil sie sich nicht getraut, etwas zu sagen oder weil ihr einfach nicht einfällt, was sie sagen könnte.

Und hier schließt sich der Kreis. Als ich neben Herrn Kalt im Auto sass, befand ich mich im beklemmenden Rückzug. Falls du das noch nie erlebt hast, lass dir gesagt sein, dass dies eine äußerst unangenehme Form ist, die Zeit zu gestalten.

Welches ist die gute Art?

Was wären damals meine Alternativen gewesen? Ist Intimität immer die beste Form?

Nein!

Eric Berne hat im Buch Was sagen Sie, nachdem Sie ‚Guten Tag‘ gesagt haben? die sechs Arten nach der Frage der Sicherheit geordnet. Er ist auf die folgende Reihenfolge gekommen:

  1. Rückzug
  2. Rituale
  3. Aktivitäten
  4. Zeitvertreib
  5. Spiele
  6. Intimität

Von oben nach unten nimmt die Vorhersehbarkeit und somit auch die Sicherheit ab. Das Risiko, verletzt zu werden wächst.

Wäre Sicherheit der einzige Aspekt, den es zu berücksichtigen gibt, wäre die Empfehlung, möglichst viel Zeit im Rückzug zu verbringen. Doch dem ist nicht so. Wie oben beschrieben geht es auch um den Austausch von Strokes und damit um das Stillen des Anerkennungs- und auch des Reizhungers.

Wenn es darum geht, gemeinsame Zeit zu gestalten, gilt es, die Balance zwischen Sicherheit und dem Bedürfnis nach Anerkennung zu finden und zu halten.

Waage der Zeitgestaltung (Jürg Bolliger)

Dadurch wird klar, dass es nicht „die gute Art“ gibt. Je nach Kontext, Situation und Beziehung haben alle ihre Berechtigung. Die einzige Ausnahme bilden die Spiele. Die gilt es nach Möglichkeit zu vermeiden.

Alternativen auf dem Beifahrersitz

Jetzt drehe ich das Rad der Zeit ein paar Jahre (oder Jahrzehnte) zurück und nehme dich mit ins Auto von Herrn Kalt. Was hätte ich tun können, anstatt mich in den beklemmenden Rückzug zu begeben?

Die Rituale hatten wir bereits hinter uns gebracht:

„Guten Morgen, Herr Bolliger.“
„Guten Morgen, Herr Kalt.“
„Wie geht's?“
„Danke gut. Und Ihnen?“
„Auch.“

Vielleicht wäre Zeitvertreib etwas gewesen. Eine Unterhaltung über das aktuelle Wetter oder sonst etwas unverfängliches beginnen. Da mir jedoch Smalltalk nicht wirklich liegt, fällt das auch eher weg.

Aktivitäten? Schon im Auto über die bevorstehende Arbeit reden? Nein, das wollte ich nicht.

Spiele? Sowieso nicht.

Also Intimität? Ich hätte Herrn Kalt an meinen Freuden und Ängsten teilhaben lassen können. Ihm berichten, wie es mir wirklich geht und was mich beschäftigt. Da ich nicht wusste, was er damit macht und wie er damit umgeht, wäre das wohl auch nicht das Gelbe vom Ei gewesen.

Was bleibt?

Ich hätte mir freien Rückzug erlauben können. Meinen Gedanken nachhängen, träumen, überlegen was ich am Abend nach der Arbeit machen will. Ich hätte mir einige gestresste Stunden ersparen und die Fahrten mit Herrn Kalt entspannt genießen können.

autor des beitrags

Jürg Bolliger

Lehrender und supervidierender Transaktionsanalytiker TSTA-E, Supervisor und Coach bso / EASC

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  1. … genial. Gerade auch ein Tool, das es sich lohnt, in der Beratung bewusst zu sein. Das schafft Möglichkeiten, vermeintlich schwierige Situationen konstruktiv angehen zu können.

  2. Lieber Jürg
    Ich erinnere mich an fast identische Situation als sehr junge Frau. Nicht mit meinem Chef, sondern mit einem jungen Mann, dem ich mich gerne im besten Licht gezeigt hätte, weil er der Inbegriff des damals für mich perfekten jungen Mannes verkörperte.
    Und auch für mich war die Fahrt der blanke Horror, weil mir im besten Willen nichts (intelligentes) einfallen wollte. Auch heute noch wird diese Erfahrung, gemeinerweise, von meinem Hirn sofort in Erinnerung gerufen bei ähnlichen Situationen.
    Dank deinem Ausführungen hat dies nun ein Ende. Ich kann mich nur bei dir bedanken, dass Ich mir in solchen Fällen (nach fast 50 Jahren) in Zukunft bewusst und und ohne quälendem schlechtem Gewissen den freien Rückzug gönne.
    Liebe Grüsse aus dem Norden – Susanne

    1. Liebe Susanne

      Vielen Dank für deinen Kommentar. Es ist schön zu lesen, dass mein Beitrag etwas auslöst und dir hilft, mit der einen oder anderen Situation umzugehen. Ich wünsche dir viele entspannende Momente im freien Rückzug oder anderen für dich passenden Arten der Zeitgestaltung.

      Herzlicher Gruss
      Jürg

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