17. November 2020

Ungesunde Vergleiche

Wer ist grösser? Wer ist stärker? Wer ist schöner?

Solche Fragen haben eines gemeinsam. Es geht ums Vergleichen. Ein Thema, das mich in letzter Zeit beschäftigt. Sowohl in unserer Podcast-Episode zum Thema Konkurrenz als auch in meinem Facebook-Beitrag vom 31. Oktober 2020 kommt das direkt oder indirekt zum Ausdruck.

In diesem Blogartikel möchte ich den Fokus auf einen weiteren Aspekt der Thematik legen.

Ich und du

Wie schneidest du ab, wenn du dich mit anderen vergleichst?

Nun sagst du möglicherweise: „Hm, es kommt darauf an, was genau verglichen wird.“ Und da sind wir schon bei einer ganz wichtigen Frage. Was wird verglichen? Damit verbunden ist eine weitere Frage:

Ist ein Vergleich sinnvoll?

Ich will hier nicht das Vergleichen an sich in Frage stellen. Doch lohnt sich die Frage in der ganz konkreten Situation, ob und weshalb ein Vergleich angebracht und sinnvoll ist oder eben nicht.

Wer von uns beiden hat die längeren Arme? Egal. Nicht relevant. Diesen Vergleich können wir uns sparen.

Jetzt stell dir vor, wir beide stehen vor einer engen, tiefen Grube, in die ein Schmuckstück gefallen ist. In dieser Situation bekommt die Frage der längeren Arme eine andere Bedeutung. Wer längere Arme hat, hat grössere Chancen, das Ding da rauszuholen. Somit wäre ein entsprechender Vergleich angebracht.

Das Beispiel ist etwas sehr weit hergeholt. Doch ich denke, du verstehst, was ich damit andeuten will. Bei der Frage, ob ein Vergleich angemessen ist, spielt der Kontext eine wesentliche Rolle.

Ein weiterer Aspekt ist die Frage der Kriterien. Die Armlänge lässt sich einfach vergleichen. Wie sieht es jedoch mit der Frage aus, wer von uns schöner malt? Diese Frage kann nur nach subjektivem Gutdünken beantwortet werden. Bei Vergleichen, die nicht anhand von konkreter, messbarer Kriterien gezogen werden können, ist der Sinn also schonmal stark in Frage gestellt.

Überlege dir also gut, ob und weshalb du dich mit anderen vergleichen willst, bevor du es tust.

Jetzt wird's persönlich

Wer zeichnet schöner? Wer denkt schneller? Wer ist handwerklich geschickter?

Noch etwas persönlicher: Wer ist schöner? Wer ist dicker? Wessen Nase ist wohlgeformter?

Abgesehen davon, dass diese Vergleiche in die Kategorie subjektiv oder mindestens nicht klar messbar gehören, gibt es ein anderes Problem damit.

Sobald es etwas persönlicher wird, tendieren Menschen dazu, das was verglichen wird, mit ihrem Wert zu verbinden. Oder anders ausgedrückt: hinter dem was vordergründig verglichen wird, gibt es eine zweite Ebene. Diese unausgesprochene Ebene ist in der Regel gewichtiger.

Beispiel "Ich bin erfolgreicher als du!"

Und es geht auch umgekehrt:

Beispiel "Du bist schöner als ich!"

Egal ob der vordergründige Vergleich ausgesprochen wird oder nur gedacht („Ich bin erfolgreicher als er!“ oder „Sie ist schöner als ich!“) die Problematik bleibt bestehen. Solange unterschwellig der Wert der eigenen oder einer anderen Person vom Resultat des Vergleichs abhängig gemacht wird, läuft etwas schief. Es handelt sich um ungesunde Vergleiche.

Ok und nicht-ok

In meinem letzten Blogartikel habe ich bereits kurz das Ok-Konzept der Transaktionsanalyse beschrieben. An dieser Stelle geht es um zwei der vier Möglichen Haltungen:

  • ich bin ok – du bist nicht ok (+/-)
  • ich bin nicht ok – du bist ok (-/+)

Sie beschreiben Überzeugungen, die ein Resultat ungesunder Vergleiche sein können.

Nehmen wir die Ok-Sätze etwas genauer unter die Lupe, stellen wir fest, dass sie nicht ganz korrekt sind.

Da es beim Ok um den Wert des Menschen geht, der völlig unabhängig von seinem Verhalten ist, geht die Rechnung nicht auf. Bei diesen beiden Einstellungen geht es letztlich um einen Vergleich des Wertes zweier Menschen. Beim Ok-Teil handelt es sich nicht um ein echtes Ok. Formulierungen, die eher widerspiegeln, was abläuft, könnten so lauten:

  • ich bin „ok-er“ als du
  • du bist „ok-er“ als ich

Wer sich seines Wertes und des Wertes anderer bewusst ist, braucht keine solchen ungesunden Vergleiche anzustellen.

Jenseits der Vergleiche

Selbstverständlich kannst du weiterhin Menschen suchen, mit denen du dich vergleichen kannst, um – je nachdem was du unbewusst bevorzugst – besser oder schlechter abzuschneiden. Doch willst du das wirklich?

Es gibt eine Alternative! Suche anstatt „Vergleichsobjekte“ Menschen, bei denen du sein kannst, wer und wie du bist. Menschen, die dich akzeptieren und wertschätzen. Verbringe Zeit mit ihnen und nimm die Wertschätzung in dich auf, wie einen tiefen Atemzug. Nicht einmal. Immer wieder.

Ich stelle die Behauptung in den Raum, dass dadurch die Überzeugung, wertvoll zu sein (echtes Ok) wächst und du dadurch weniger von ungesunden Vergleichen abhängig wirst.

autor des beitrags

Jürg Bolliger

Lehrender und supervidierender Transaktionsanalytiker TSTA-E, Supervisor und Coach bso / EASC

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