1. Dezember 2020

Bedingungslose und bedingte Zuwendung – es gibt kein Entweder-oder

Jeder Mensch braucht Zuwendung – in der Sprache der Transaktionsanalyse Strokes oder Einheiten der Anerkennung. Es handelt sich um ein menschliches Grundbedürfnis. Eric Berne verwendet dafür den Begriff Hunger, um die Wichtigkeit zu unterstreichen.

Und weil es so wichtig ist, lohnt es sich, immer wieder der Frage nachzugehen, wie ein Menschen einem anderen signalisiert, dass er ihn wahrnimmt und seine Existenz zur Kenntnis nimmt.

Strokes können verbal und/oder nonverbal vermittelt und werden üblicherweise aufgeteilt in

  • positiv (erfreulich) – negativ (unerfreulich)
  • bedingungslos (betreffen das Sein) – bedingt (betreffen das Tun)

Das Stroke-Kontinuum

Die Aufteilung in bedingungslose und bedingte Strokes suggeriert, dass ein Stroke immer entweder das Sein oder das Tun eines Menschen betrifft. Der Transaktionsanalytiker Oswald Summerton ist da jedoch anderer Meinung.

Vom Konzept her ist es schwierig zu beweisen, dass irgendein Stroke nur nonkonditional oder nur konditional ist. Ich habe in der Praxis bisher keinen einzigen gefunden.

Oswald Summerton (1980): Ein neuer Weg zur Beziehungsanalyse. In: Neues aus der Transaktionsanalyse, Jahrgang 4, Nr. 14

Nach Summerton liegen die Strokes auf einem Kontinuum und sind in der Regel sowohl bedingungslos als auch bedingt – auch wenn ein Aspekt überwiegt.

Das Stroke-Kontinuum

Bis hierhin gefällt mir Summertons Idee schon mal gut. Auch wenn es oft einfacher ist, wenn es ein klares Entweder-oder gibt – schwarz oder weiss -, finde ich differenzierte Betrachtungsweisen hilfreich und lohnenswert.

Stroke-Kombinationen

Summerton geht nun noch einen Schritt weiter. Während üblicherweise Strokes als bedingungslos-positiv, bedingt-positiv, bedingt-negativ und bedingungslos-negativ bezeichnet werden, bezieht er bei seinen Strokearten die Idee mit ein, dass jeweils beide Aspekte vorhanden sind:

  • +S+T positiv bedingungslos (Sein), positiv bedingt (Tun)
    „Ich mag dich und ich mag, was du tust.“
  • +S-T positiv bedingungslos (Sein), negativ bedingt (Tun)
    „Ich mag dich, doch ich mag nicht, was du tust.“
  • -S+T negativ bedingungslos (Sein), positiv bedingt (Tun)
    „Ich mag dich nicht, doch ich mag, was du tust.“
  • -S-T negativ bedingungslos (Sein), negativ bedingt (Tun)
    „Ich mag dich nicht und mag auch nicht, was du tust.“

Du bist ok

Mit Summertons Stroke-Kombinationen wird mir einmal mehr die Wichtigkeit der Ok-Haltung betont – insbesondere der Teil „Du bist …“.

Da sich das Ok auf das Sein eines Menschen bezieht, bildet es die Basis für den bedingungslosen Teil eines Strokes. Meiner Erfahrung nach, wird dieser Teil sehr oft mit nonverbalen Signalen gesendet.

Ein negativ-bedingungsloser Anteil eines Strokes, vermittelt Ablehnung und Abwertung einer Person. Für eine wertschätzende und konstruktive Beziehungsgestaltung ist es daher wichtig, darauf zu verzichten und sich auf Strokes mit positiv-bedingungslosen Aspekten zu beschränken.

Zugegeben, das ist nicht immer einfach. Der Schlüssel heisst einmal mehr:

„Ich bin ok, du bist ok“

autor des beitrags

Jürg Bolliger

Lehrender und supervidierender Transaktionsanalytiker TSTA-E, Supervisor und Coach bso / EASC

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