Ikigai-Momente aus Sicht der Ich-Zustände
Wenn Sinn spürbar wird
Manchmal sind es unscheinbare Momente. Ein Gespräch, das nachklingt. Eine Tätigkeit, bei der die Zeit stillzustehen scheint. Ein Augenblick, in dem etwas innerlich ruhig wird und gleichzeitig lebendig. Solche Ikigai-Momente sind keine großen Lebensziele, sondern oft kleine, unspektakuläre Erfahrungen im Alltag, in denen Sinn spürbar wird.
Im vorherigen Artikel ging es genau um diese Erfahrungen. Um Flow und Ikigai nicht als Ziel oder Lebensaufgabe, sondern als etwas, das sich in Momenten zeigt, in denen das Leben stimmig wirkt. Nicht spektakulär, oft leise – und doch deutlich.
Viele Menschen erkennen solche Momente sofort wieder. Und fast ebenso häufig taucht danach eine zweite Bewegung auf: der Wunsch, sie festzuhalten, zu verstehen oder zu wiederholen. Was war da gerade so anders? Warum fühlte es sich sinnvoll an?
Diese Fragen führen nach innen.
Denn Ikigai-Momente entstehen nicht zufällig. Sie sind auch kein reines Produkt äusserer Umstände. Sie haben mit inneren Prozessen zu tun – mit dem Zusammenspiel verschiedener innerer Stimmen, Haltungen und Bedürfnisse.
Aus der Perspektive der Transaktionsanalyse lässt sich sagen:
Sinn wird dort spürbar, wo innere Anteile nicht gegeneinander arbeiten, sondern sich aufeinander beziehen. Wo etwas in uns fühlt, etwas orientiert – und etwas verbindet.
Ikigai ist dann weniger ein einzelnes Gefühl oder eine klare Erkenntnis.
Es ist ein Moment innerer Kooperation.
Bevor wir genauer hinschauen, wie diese Zusammenarbeit aussieht, lohnt es sich, einen Schritt langsamer zu werden. Nicht, um zu analysieren. Sondern um wahrzunehmen: Was geschieht eigentlich in mir, wenn sich etwas sinnvoll anfühlt?
Im nächsten Abschnitt lade ich dich ein, Ikigai-Momente einmal aus dieser inneren Perspektive zu betrachten – entlang der Ich-Zustände der Transaktionsanalyse. Nicht als Modell zum Lernen, sondern als Landkarte zum Erkennen.

Foto: Jürg Bolliger
Wenn innere Anteile zusammenspielen
Ikigai-Momente zeigen sich oft ganz überraschend. Nicht euphorisch, nicht spektakulär – eher stimmig. Als würde innerlich etwas zusammenfinden, das sonst getrennt unterwegs ist.
Aus Sicht der Transaktionsanalyse lässt sich diese Erfahrung als innere Zusammenarbeit verstehen. Nicht als Technik, nicht als Analyse. Sondern als lebendiges Zusammenspiel unterschiedlicher innerer Qualitäten.
Das Kind-Ich: lebendig, offen, schöpferisch
Am Anfang eines Ikigai-Moments steht meist eine unmittelbare innere Regung.
Ein Aufleuchten von Interesse. Ein Gefühl von Lebendigkeit. Eine leise Begeisterung.
Eric Berne beschreibt das Kind-Ich mit den Worten, es könne ...
... für das Leben des Individuums genau den gleichen Beitrag leisten, den ein wirkliches Kind zum Familienleben beisteuert: Anmut, Freude und schöpferischen Impuls.
Eric Berne: Spiele der Erwachsenen
Genau diese Qualitäten werden in Ikigai-Momenten erfahrbar. Das Kind-Ich begegnet der Welt unvoreingenommen. Es bringt Kreativität, Spielfreude und die Fähigkeit mit, sich berühren zu lassen. Es fragt nicht nach Sinn – es erlebt ihn.
"Das interessiert mich."
"Hier ist etwas lebendig."
"So möchte ich da sein."
Ohne diese Offenheit bleibt Sinn theoretisch. Ikigai beginnt dort, wo etwas in uns in Resonanz geht.
Das Eltern-Ich: Werte und Orientierung
Damit aus einem berührenden Moment mehr wird als ein angenehmes Erleben, braucht es eine zweite innere Bewegung. Eine stille Einordnung: Das ist mir wichtig.
Hier kommt das Eltern-Ich ins Spiel – verstanden unter anderem als Träger unserer Werte. Es beantwortet Fragen wie:
Was zählt für mich im Leben?
Wofür möchte ich meine Zeit und Energie einsetzen?
Ikigai erleben wir besonders dort, wo unser Erleben mit unseren Werten im Einklang ist.
Wo Freude und Bedeutung sich berühren. Wo wir spüren: Das passt zu mir und zu dem, wofür ich stehen will.
"Dafür lohnt es sich."
"Das entspricht meinen Überzeugungen."
"Das hat Bedeutung für mich."
Sinn gewinnt Tiefe, wenn Lebendigkeit auf Werte trifft. Und er gerät unter Druck, wenn Werte das Erleben überlagern und aus innerer Orientierung eine innere Pflicht wird.
Das Erwachsenen-Ich: Integration im Hier und Jetzt
Damit Ikigai tragfähig wird, braucht es eine dritte Qualität. Das Erwachsenen-Ich stellt den Bezug zum Hier und Jetzt her. Es integriert das Erleben des Kind-Ichs und die Werte des Eltern-Ichs mit der aktuellen Realität.
Es fragt nicht: Was sollte ich tun?
Sondern: Was ist unter diesen Bedingungen stimmig für mich?
Das Erwachsenen-Ich prüft Möglichkeiten, Grenzen und Konsequenzen. Es verbindet innere Regungen mit äusseren Umständen. So wird aus einem Sinnmoment eine bewusste Entscheidung – und aus innerer Stimmigkeit ein Schritt im Alltag.

Foto: Jürg Bolliger
Sinn als innere Zusammenarbeit
Ikigai zeigt sich dort, wo diese drei inneren Qualitäten miteinander in Beziehung stehen.
Wo das Kind-Ich lebendig reagieren darf.
Wo das Eltern-Ich Werte und Richtung gibt.
Und wo das Erwachsenen-Ich integriert und im Hier und Jetzt verankert.
Sinn entsteht dann nicht durch Nachdenken allein. Er entsteht im Zusammenspiel.
Innere Zusammenarbeit im Ungleichgewicht
So stimmig Ikigai-Momente sein können – sie sind nicht selbstverständlich. Viele Menschen erleben Sinn nur noch punktuell oder verlieren ihn aus dem Blick, obwohl sie sich engagieren, reflektieren und "eigentlich wissen", was ihnen wichtig ist.
Aus der Perspektive der Transaktionsanalyse lässt sich das oft als ein Ungleichgewicht in der inneren Zusammenarbeit verstehen. Nicht im Sinne von falsch, sondern als Hinweis darauf, dass einzelne innere Qualitäten zu viel Raum einnehmen – während andere leiser werden.

Foto: Jürg Bolliger
Wenn Werte tragen, aber nichts mehr berühren
Manche Menschen leben stark aus ihren Werten heraus. Sie wissen, wofür sie stehen. Sie übernehmen Verantwortung. Sie engagieren sich – beruflich, familiär oder gesellschaftlich.
Und doch fehlt etwas.
Das Erleben wird pflichtbewusst, korrekt, manchmal auch erschöpft.
Hier ist das Eltern-Ich sehr präsent, während das Kind-Ich kaum noch zu Wort kommt.
Sinn wird gedacht, begründet, erklärt – aber nicht mehr gespürt.
"Ich mache etwas Wichtiges."
"Das ist sinnvoll."
Und gleichzeitig: Es fühlt sich leer an.
Was hier entsteht, ist Bedeutung ohne Lebendigkeit – und damit kein Ikigai.
Nicht weil die Werte falsch wären, sondern weil die innere Resonanz fehlt.
Wenn Begeisterung da ist, jedoch keine Richtung
Das Gegenstück dazu ist ebenso vertraut. Da ist Energie, Neugier, vielleicht sogar Begeisterung. Viele Ideen. Viele Impulse.
Doch etwas bleibt flüchtig.
Es entsteht keine Tiefe, keine Verbindlichkeit, kein tragender Sinn.
Hier ist das Kind-Ich lebendig, während das Eltern-Ich mit seinen Werten kaum Orientierung gibt. Was Freude macht, bleibt isoliert vom größeren Zusammenhang - im wahrsten Sinn des Wortes wert-los.
"Das macht Spass."
"Das interessiert mich."
Und gleichzeitig: Wozu eigentlich?
Ikigai entsteht dort, wo Energie Richtung findet.
Sinn lässt sich nicht erzwingen
Diese Ungleichgewichte sind menschlich. Sie entstehen oft in Phasen von Unsicherheit, Belastung oder Veränderung. Sie sind kein Zeichen von Scheitern, sondern von Bewegung.
Ikigai verschwindet nicht. Es zieht sich zurück, wenn die innere Zusammenarbeit stockt.
Vielleicht liegt der nächste Schritt deshalb nicht darin, mehr Sinn zu suchen.
Sondern die inneren Stimmen wieder miteinander ins Gespräch zu bringen.
Eine offene Einladung
Vielleicht geht es bei Ikigai weniger darum, etwas zu finden oder festzulegen. Und auch weniger darum, es dauerhaft zu sichern.
Vielleicht zeigt sich Ikigai dort, wo wir aufmerksam werden für das, was sich in uns gerade bewegt – und dafür, wie diese Bewegungen miteinander in Beziehung stehen.
Wo Lebendigkeit Raum bekommt.
Wo Werte Orientierung geben.
Und wo beides im Hier und Jetzt zueinander finden darf.
Nicht als Idealzustand. Nicht als Aufgabe, die es zu erfüllen gilt. Sondern als feine innere Abstimmung, die sich immer wieder neu herstellt – oder auch einmal verliert.
Ikigai beginnt möglicherweise dort, wo wir innehalten und uns fragen:
"Welche innere Stimme ist im Moment besonders laut?"
"Welche kommt kaum noch zu Wort?"
"Und was würde sich verändern, wenn sie einander wieder zuhören dürften?"
Diese Fragen lassen sich nicht beantworten. Doch sie lassen sich mitnehmen – in den Alltag, in Entscheidungen, in Begegnungen.
Und vielleicht zeigen sich Ikigai-Momente dann wieder dort, wo wir sie nicht machen wollen, sondern zulassen.
Beitragsbild: Jürg Bolliger

