20. Oktober 2020

Plädoyer für das negative Erwachsenen-Ich

Plädoyer

Nein, es liegt mir fern, hier unangemessenes Verhalten oder unerwünschte Eigenschaften zu propagieren. Es geht in diesem Beitrag vielmehr um die Frage, ob sich Erwachsenen-Ich auch in negativer Art und Weise zeigen kann.

Aufgrund des Titels, wirst du schon merken, dass ich eine klare Antwort auf die Frage habe: ja. Ich werde nun nochmals etwas detaillierter beschreiben, worum es geht und mein Ja begründen.

Ich-Zustände

Jeder Mensch denkt, fühlt und verhält sich in verschiedenen Situationen sehr unterschiedlich. Eric Berne, der Begründer der Transaktionsanalyse spricht in diesem Zusammenhang von Ich-Zuständen und meint damit

Kohärente Gedanken- und Gefühlssysteme, die durch entsprechende Verhaltensmuster zum Ausdruck gebracht werden.

Eric Berne (2012): Was sagen Sie nachdem Sie ‚Guten Tag‘ gesagt haben

Diese Gedanken- und Gefühlssysteme und Verhaltensmuster sind entweder

  • in der Kindheit entwickelt worden (Kind-Ich)
  • von früheren Bezugspersonen übernommen worden (Eltern-Ich)
  • oder stellen eine direkte Reaktion auf das Hier und Jetzt dar (Erwachsenen-Ich)

Dargestellt wird das Ganze in drei übereinanderliegenden Kreisen.

Ich-Zustände
Ich-Zustände

Strukturmodell vs. Funktionsmodell

So weit, so gut. Nun ist es im Laufe der Zeit zu einer Unterscheidung gekommen, die zu viel Verwirrung und auch zu viel Diskussionen führt.

Viele Transaktionsanalytikerinnen und Transaktionsanalytiker unterscheiden heute nämlich zwischen dem Struktur- und dem Funktionsmodell der Ich-Zustände. Das ist insofern etwas unglücklich, weil das Modell mit den drei Kreisen nun für zwei ganz unterschiedliche Aspekte steht.

Sprechen wir vom Strukturmodell, dann geht es um die „Inhalte“ der Ich-Zustände. Um das, was ein Mensch im Laufe der Jahre an Systemen und Mustern von Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen „abgelegt“ oder „gespeichert“ hat. Das Strukturmodell stellt also den intrapsychischen Rahmen, das Innen dar.

Das Funktionsmodell beschreibt das externe Sozialverhalten. Im Gegensatz zum Strukturmodell wird her beschrieben, wie konkrete Verhalten eines Menschen aussieht. Der Fokus liegt hier also nicht auf dem Innenleben, sondern darauf, was von aussen gesehen und gehört wird.

Erwachsenen-Ich im Funktionsmodell

Wenn ich für negatives Erwachsenen-Ich plädiere, ist ganz wichtig, dass es um das Erwachsenen-Ich im Funktionsmodell oder eben um das Verhalten einer Person geht.

Im Funktionsmodell wird das Eltern-Ich in kritisch und fürsorglich und das Kind-Ich in frei, angepasst und rebellisch unterteilt.

Funktionsmodell der Ich-Zustände
Funktionsmodell der Ich-Zustände

Jeder dieser sechs Ich-Zustände aus dem Funktionsmodell hat seine eigene Charakteristik und entsprechende Merkmale. Zeigt jemand beispielsweise Kritisches-Eltern-Ich-Verhalten äussert sich das ganz anders als wenn gerade das freie Kind-Ich aktiv ist.

Nun hat jeder dieser Ich-Zustände in bestimmten Situationen seine Berechtigung. Kritisches Eltern ich ist zum Beispiel angebracht und wichtig, wenn es darum geht, sinnvolle Grenzen zu setzen. Und du kannst dir sicher auch Situationen vorstellen, in welchen kritisches Eltern-Ich nicht hilfreich und angemessen ist.

Um zu veranschaulichen, dass die Ich-Zustände (Funktionsmodell) eine positive und eine negative Seite haben, setzen viele Kolleginnen und Kollegin im Modell noch ein + und ein – oben und unten zur jeweiligen Abkürzung. Bei allen – ausser beim Erwachsenen-Ich.

Ich finde, wenn man diese Unterteilung in positiv und negativ macht, muss man sie auch beim Erwachsenen-Ich machen!

positives und negatives Erwachsenen-Ich

Bevor ich meine Aussage begründe, möchte ich kurz erwähnen, wie du dir Erwachsenen-Ich-Verhalten vorstellen kannst. Ich verwende dazu eine Auswahl an Begriffen, welche Manfred Gührs und Claus Nowak aufgelistet haben:

nüchtern, sachlich, realitätsbezogen, aufgeschlossen, objektiv, genau, logisch, rational, unvoreingenommen, beobachtend, konzentriert, …

Manfred Gührs und Claus Nowak (2006): Das konstruktive Gespräch

Weshalb ich auch das Erwachsenen-Ich in negativ und positiv aufteile

Eines vorweg: ich benutze in diesem Blogbeitrag oft die Bezeichnungen positiv und negativ. Besser gefallen mir die Begriffe angemessen und unangemessen. Darum geht es nämlich. Das sich jedoch im TA-Wortschatz positiv und negativ schon so etwas wie festgebissen haben, wenn es um die Ich-Zustände im Funktionsmodell geht, bleibe ich jetzt trotzdem mal dabei.

Und – ich wiederhole mich – ich beziehe mich auf das Erwachsenen-Ich im Funktionsmodell!

Die logische Begründung

Bezeichnet ein Ich-Zustand das einer Situation angemessene Verhalten (positiv), heisst das, andere sind nicht angemessen. Natürlich ist das auch sehr individuell und subjektiv. Es gibt nicht den richtigen und den falschen Ich-Zustand. Und doch: es wird in jeder Situation Ich-Zustände geben, die nicht hilfreich sind. Und warum sollte das Erwachsenen-Ich da ausgenommen sein?

Drehen wir das Ganze um. Wäre Erwachsen-Ich nur positiv, würde das heissen, es ist in jeder Situation angebracht, entsprechendes Verhalten zu zeigen. Somit würden die anderen fünf Ich-Zustände überflüssig. Das wiederum widerspricht der Überzeugung der meisten Transaktionsanalytikerinnen und Transaktionsanalytiker, dass jeder der sechs seine Berechtigung hat (sonst müsste man sie ja auch nicht mit positiv bezeichnen!).

Die emotionale Begründung

Schau dir die Begriffe von Gührs und Nowak noch einmal an. Stell dir vor, jemand verhält sich in jeder Situation so. Nüchtern, sachlich, realitätsbezogen usw. Ich finde diese Vorstellung ganz schön gruselig. Wo bliebe da die Lebensqualität dieses Menschen?

Die beispielhafte Begründung

Freitag Abend. Frank kommt nach Hause. Sabine erwartet ihn schon sehnlichst. Um das Wochenende einzuläuten, öffnen sie eine Flasche Rotwein und setzen sich ins Wohnzimmer.

Sabine: Heute war ein absoluter Horrortag. Alles ist schief gelaufen.

Wie reagiert Frank darauf? Lassen wir ihn mal Erwachsenen-Ich-Verhalten zeigen. Da muss er schon mal intervenieren, denn alles ist sicher nicht schief gelaufen. Das ist eine Übertreibung. Nüchtern und sachlich betrachtet, gibt es sicher Momente, welche Sabine gut erlebt hat.

Frank: Sabine, ich höre, was du sagst. Ich nehme an, das Wort „alles“ ist eine Übertreibung.

Er holt ein Blatt Papier und einen Stift und zieht in der Mitte des Blattes eine Linie von oben nach unten.

Frank: Gehen wir doch einmal deinen Tag durch. Links notiere ich, was gut und rechts, was schief gelaufen ist. Du wird dir helfen, die Realität zu sehen.

Spätestens jetzt ist der Abend und vielleicht sogar das ganze Wochenende im Eimer.

Was will Sabine? Ziemlich sicher keine nüchterne Analyse ihres Tages. Wahrscheinlich will sie ganz einfach Mitgefühl und Verständnis, in den Arm genommen werden.

Franks Reaktion in diesem Beispiel ist ein klarer Beweis dafür, dass Erwachsenen-Ich auch negativ sein kann!

Ein Zeuge

Für den Fall, dass dich meine Argumente noch nicht überzeugt haben sollten, kann das vielleicht ein Zeuge tun. Jemand, der sich schon länger mit Transaktionsanalyse befasst als du und ich. Jemand, der Eric Berne noch persönlich gekannt hat.

Es ist niemand geringerer als Stephen Karpman, der mein Plädoyer unterstützt. Das heisst, er tut das nicht expliziert, doch er ist immerhin gleicher Meinung.

In manchen Büchern steht, es gebe kein negatives Erwachsenen-Ich. Das stimmt nicht.

Stephen Karpman (2016): Ein Leben ohne Spiele

Ich habe mich riesig gefreut, als ich vor Kurzem gelesen habe, dass Karpman meine Meinung teilt. Auch wenn seine Begründung und Erläuterung etwas anders ausfällt, sind wir uns in der Hauptaussage einig: es stimmt nicht, dass es kein negatives Erwachsenen-Ich gibt!

Fazit

Erwachsenen-Ich-Verhalten ist in vielen Momenten angebracht und hilfreich. Jedoch nicht in allen. Mir gefällt es, dass das Leben aus mehr als Nüchternheit, Sachlichkeit und Objektivität besteht.

Ein Moment ohne Erwachsenen-Ich
Ein Moment ohne Erwachsenen-Ich

autor des beitrags

Jürg Bolliger

Lehrender und supervidierender Transaktionsanalytiker TSTA-E, Supervisor und Coach bso / EASC

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  1. Hallo Jürg,
    ein schöner Beitrag. Ich sehe das genauso. Als ich damals das Funktionsmodell kennenlernte fragte ich mich häufig, warum im Erwachsenen nicht das unangemessene gesehen wird.
    Von daher freue ich mich, den Artikel bei dir zu lesen.

    Liebe Grüße aus Berlin

    Philipp

  2. Lieber Jürg
    Welch spannende Argumentation!
    Ich greife die Eigenschaft "realitätsbezogen" auf. Ich kann mir vorstellen, dass Frank, indem er Sabine in den Arm nimmt und ihr zu verstehen gibt, dass er nun genauer zuhören will, das Erwachsenen-Ich aktiviert: im Hier und Jetzt angemessen reagiert.

    Wenn er Zahlen, Daten, Fakten aufgreift (die Liste macht), will er vermutlich Orientierung geben und ihr vermitteln, dass sie mit "alles" falsch liegt. Dann wäre er nicht im Erwachsenen-Ich-Zustand, sondern im kritischen Eltern-Ich.

    Herzliche Grüsse
    Cornelia

    1. Liebe Cornelia

      Vielen Dank für deine Gedanken. Tatsächlich fehlt eine Angabe über nonverbale Signale. Mit dem reinen Text befinden wir uns im Bereich der Spekulation.

      Ich sehe es so: In den Arm nehmen, könnte durchaus auch Erwachsenen-Ich sein. Dann würde das jedoch eher kühl wirken. Da im Funktionsmodell zählt, was von aussen sichtbar ist, ist für mich ein herzhaftes In-den-Arm-nehmen ein Ausdruck des fürsorglichen Eltern-Ichs. Dabei kann es durchaus sein, dass bezogen auf das Strukturmodell das Erwachsenen-Ich mit Energie besetzt ist und die Reaktion somit realitätsbezogen ist. Sichtbar wird es jedoch als fürsorgliches Eltern-Ich.

      Umgekehrt könnte Frank in einer überheblichen Haltung (Eltern-Ich im Strukturmodell) die Situation analysieren. Wenn er das in einer nüchternen, sachlichen Art macht, wäre es dann eben als Erwachsenen-Ich sichtbar (Funktionsmodell), das der Situation nicht angemessen ist.

      Und es ist das Schöne an Ich-Zuständen und der Transaktionsanalyse ganz allgemein, dass man es unterschiedlich sehen, interpretieren und nutzen kann und darf.

      Herzlicher Gruss
      Jürg

  3. Hallo Jürg,

    mIr gefällt dein Gedanken-Ansatz sehr. Wohltuend, dass Stephen Karpman es gleich sieht. Schön.

    Die Wortwahl "angemessen und unangemessen" finde ich auch beim ER sehr treffend.

    Ich verstehe das ER, wie Susann Temple es in Ihrem TIFF Modell beschrieben hat, als Accounting Modus.
    Im ER wird nach einem "Faktencheck" entschieden, was in einer Situation angemessen ist, welcher ICH-Zustand entsprechend der Situation effektiv wäre.

    Stellt sich mir dabei die Frage:
    Bleibe ich im ER stecken, nüchtern, sachlich etc., wo ein anderer Modus im Anschluss gefragt oder eher hilfreich sein könnte, bin ich evtl. einer Trübung ausgesetzt?

    Viele Grüße aus Friedberg
    Manuela

    1. Liebe Manuela

      Vielen Dank für deinen Kommentar und die Ergänzungen.

      Das Functional-Fluency-Modell gefällt mir grundsätzlich auch sehr gut. Wobei ich da beim Accounting Modus auch noch etwas hänge. Das „Accounting“ im Sinne von Faktencheck und Steuerung der anderen Modi ist etwas, das innerlich abläuft. Dieser Teil passt also nicht in ein Verhaltensmodell, das beschreibt, was von aussen sichtbar ist. Wird „Accounting“ gegen aussen gezeigt, müsste es auch da einen „negativen“ Modus geben, das das nicht in jeder Situation angemessen ist.

      Herzlicher Gruss
      Jürg

  4. In der Fortführung der Persönlichkeitstheorie der Transaktionsanalyse wird vom integrierten Erwachsenen Ich Zustand gesprochen. Ich verweise auf Johann Schneider, Bernd Schmid und P. Clarkson.

    In diesen verschiedenen Ausführungen wird darauf hingewiesen, dass das Erwachsenen-Ich im Funktionsmodus sehr wohl emotionale als auch wertorientierte Komponenten integriert um angemessen auf Situationen im Hier und Jetzt reagieren zu können. Lieber Jörg, ich finde deine Ausführung zu kurz gegriffen und der Bezug auf Gührs und Nowack zu einseitig.

    1. Vielen Dank für deine Gedanken, liebe Sabine.

      Die Schwierigkeit bei den Ich-Zustandsmodellen ist, dass es sehr viele unterschiedliche Interpretationen und Nutzungsarten gibt. Gleichzeitig erachte ich das auch als Chance. So lassen sich die Ich-Zustände je nach Situation und Kontext individuell nutzen (was übrigens Eric Berne schon gemacht hat).

      Mein Verständnis ist, das das Thema „Integriertes ER“ zum Strukturmodell gehört. Und da gehe ich mit dir einig, ist das Ziel, die wertvollen Aspekte aus dem Kind-Ich und aus dem Eltern-Ich ins Erwachsenen-Ich integriert werden und so als Reaktion auf das Hier und Jetzt zur Verfügung stehen. Noch interessanter finde ich die Idee des „Integrierenden ER“. Das Funktionsmodell betrachte ich als reines Verhaltensmodell, das beschreibt, wie sich das Verhalten gegen aussen zeigt – unabhängig davon, was sich innerlich abspielt. So kann meiner Meinung nach jeder der sechs Ich-Zustände aus dem Funktionsmodell ein Ausdruck eines integrierten Erwachsenen-Ichs sein oder nicht.

      Und ich weiss, dass viele Kolleginnen und Kollegen eine andere Auffassung von Ich-Zuständen haben. Und das ist auch gut so, weil dadurch ein zu dogmatischen Umgang mit dem Modell verhindert oder mindestens erschwert wird.

      Herzlicher Gruss
      Jürg

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