Gänseblümchen

Kleine Momente, die dein Leben lebenswert machen

Wenn Sinn nicht in den grossen Fragen liegt, sondern im Alltag entsteht

Vor einiger Zeit war ich an einem Sonntagmorgen mit meiner Fotokamera am Bielersee unterwegs.

Während ich mich bereits auf den Heimweg mache, fällt mir etwas auf:
Aus verschiedenen Richtungen fliegen Tauben herbei und versammeln sich auf einer Wiese. Es werden immer mehr.

Ich bleibe stehen und frage mich:
Was ist hier wohl los?

Wenig später taucht eine ältere Frau auf. Sie zieht einen Einkaufstrolley hinter sich her.

Als sie näherkommt, öffnet sie den Wagen. Sie nimmt jede Menge Brot heraus und verteilt es unter den Tauben. Diese scheinen sich über dieses Festmahl riesig zu freuen.

Ich komme mit der Frau ins Gespräch. Sie erzählt mir, dass sie über 80 Jahre alt ist und den Tauben regelmässig zur gleichen Zeit Brot bringt. Offenbar kennen die Vögel dieses Ritual genau – und warten bereits auf sie, bevor sie erscheint.

Ich bin tief berührt.

Zwischen dieser alten Dame und den Tauben ist eine stille Verbindung spürbar. Ein kleines, unscheinbares Ritual – und doch voller Leben. 

Für mich ist das ein Ikigai-Moment.

Ein Augenblick, in dem ich spüre:
Das Leben ist gerade lebenswert.

Frau mit Tauben

Was diesen Moment so besonders macht

Als ich später über diese Begegnung nachdenke, frage ich mich:
Was hat mich an dieser Szene eigentlich so berührt?

Es ist kein spektakuläres Ereignis. Eine ältere Frau bringt Tauben Brot. Und doch entsteht in diesem Moment etwas Besonderes.

Da ist eine Verbindung zwischen dieser Frau und den Tieren. Da ist ein Ritual, das ihrem Alltag Struktur gibt. Eine kleine Handlung, die für sie Bedeutung hat. Und da ist der Einblick in ihr Leben, den sie mir gewährt. Eine einmalige Begegnung, die sich in dieser Form nicht mehr wiederholen wird.

Sind es nicht genau solche Augenblicke, die zeigen, was ein Leben lebenswert macht?

Ikigai – das, was das Leben lebenswert macht

In der japanischen Kultur gibt es für solche Erfahrungen ein schönes Wort: Ikigai.

Ikigai lässt sich übersetzen als "das, was das Leben lebenswert macht".

Oft wird Ikigai als grosse Lebensaufgabe oder als Berufung beschrieben. Doch in seiner ursprünglichen Bedeutung ist Ikigai viel alltäglicher.

Es zeigt sich häufig in kleinen Momenten:

  • in Begegnungen
  • in Naturerlebnissen
  • in Tätigkeiten, die dich erfüllen
  • im Gefühl, mit etwas oder jemandem verbunden zu sein

Ikigai ist deshalb nicht nur ein Ziel. Es ist eine Erfahrung.

Ikigai-Momente

Manchmal entstehen im Alltag Augenblicke, in denen du plötzlich spürst:
Etwas stimmt gerade. Etwas fühlt sich lebendig an.

Das sind Ikigai-Momente. Momente, in denen du eine besondere Qualität des Lebens wahrnimmst.

Oft sind sie unscheinbar. Und genau deshalb gehen sie im Alltag leicht unter. Sie drängen sich nicht auf. Und doch sind sie da.

Was dir Zugang zu solchen Momenten gibt

Damit du solche Momente als Ikigai erlebst, braucht es oft bestimmte Bedingungen.

Zum Beispiel:
Das, was du gerade tust.
Aufmerksamkeit.
Zeit.
Die Bereitschaft, einem Moment Raum zu geben.
Und manchmal auch das Glück, im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein.

Die Begegnung mit der Frau und den Tauben war möglich, weil ich genau zu diesem Zeitpunkt am See unterwegs war. Ich habe innegehalten. Mir Zeit genommen – ohne zu wissen, was geschehen wird – an einen Ikigai-Moment habe ich dabei nicht gedacht. Ich war einfach da. Und ich war bereit, mit der Frau in Kontakt zu treten und ein paar Worte mit ihr zu wechseln.

Der Moment war da. All das hat mir ermöglicht, ihn zu erleben.

Einige Voraussetzungen liegen nicht in deiner Hand. Andere kannst du sehr wohl beeinflussen.

Wenn beides zusammenkommt: Ikigai-Kan

Wenn Ikigai-Momente und Ikigai-Bedingungen zusammentreffen, entsteht etwas, das als Ikigai-Kan beschrieben wird.

Das Wort Kan bedeutet so viel wie Gefühl oder Empfinden. Ikigai-Kan ist das Gefühl, dass das Leben gerade Bedeutung hat.

Ein inneres Empfinden von:

  • Stimmigkeit
  • Lebendigkeit
  • Dankbarkeit
  • Sinn
  • ...

Ikigai-Kan ist das Gefühl, dass das Leben gerade Bedeutung hat. Und genau dieses Erleben macht das Leben lebenswert.

Es entsteht nicht einmal – und bleibt dann einfach. Es zeigt sich immer wieder.

Und du kannst dazu beitragen, dass solche Momente in deinem Leben möglich werden. Indem du den Bedingungen, die in deiner Hand liegen, Raum gibst.

Etwas, das in dir angelegt ist

Oft ist es weniger eine Frage des Suchens. Sondern eine Frage des Zugangs.
In der Transaktionsanalyse beschreibt Eric Berne Autonomie als eine Weise, dem Leben zu begegnen, die sich in drei Fähigkeiten zeigt: Bewusstheit, Spontaneität, Intimität.

Autonomie bedeutet, das Leben im Hier und Jetzt wahrzunehmen und nicht automatisch alten Mustern zu folgen.

Viele Ikigai-Momente haben genau diese Qualität.
Du bist bewusst im Moment.
Du reagierst spontan auf das, was entsteht.
Und du erlebst echte Verbindung – mit anderen Menschen, mit der Natur oder mit dir selbst.

Kinder leben das oft ganz selbstverständlich. Meine 4-jährige Enkelin zum Beispiel kann sich unterwegs plötzlich für eine Ameise begeistern, die unseren Weg kreuzt. Sie bleibt stehen, beobachtet, staunt. Sie erlebt einen Ikigai-Moment. Und ich mit ihr.

Diese kindliche Fähigkeit, dich begeistern zu lassen, Freude an kleinen Dingen zu erleben und den Fokus auf das zu richten, was du gerade erlebst, trägst du als wichtige Ressource in dir. Sie ist Teil deines Kind-Ichs.

Wie bereichernd ist es, wenn du dir als erwachsene Person erlaubst, in Kontakt damit zu kommen – dich vom Leben berühren zu lassen und dadurch Ikigai zu erleben.


Beitragsbild: Jürg Bolliger

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18. März 2026
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