Wie die Transaktionsanalyse und Ikigai helfen können, diese Spannung zu verstehen und zu verändern
Niklas hat vieles erreicht. Er hat einen guten Job, übernimmt viel Verantwortung und wird von anderen geschätzt. Auch privat läuft es gut. Sein Alltag ist bestens organisiert.
Und trotzdem sagt er nach einer gemeinsamen Tennispartie zu seinem Freund Jan: "Eigentlich funktioniert mein Leben ganz gut. Aber erfüllt bin ich nicht."
Ein Satz, der hängen bleibt.
Dieser Satz ist nicht ungewöhnlich. Viele Menschen erleben Ähnliches.
Von außen betrachtet wirkt ihr Leben stabil. Sie übernehmen Aufgaben, erfüllen Erwartungen und sorgen dafür, dass alles läuft. Sie funktionieren.
Und doch bleibt innerlich manchmal eine leise Unzufriedenheit zurück.
Etwas fehlt.
Etwas stimmt nicht ganz.
Wenn das Leben funktioniert und doch etwas fehlt
Funktionieren ist nicht grundsätzlich etwas Negatives. Es zeigt oft, dass Menschen kompetent sind, zuverlässig handeln und Verantwortung übernehmen.
Und doch entsteht manchmal diese merkwürdige Spannung.
Das Leben läuft.
Und es berührt dich nicht wirklich.
Du erledigst Aufgaben.
Resonanz spürst du dabei nur selten.
Du erfüllst Erwartungen.
Dabei verlierst du leicht den Kontakt zu dem, was dir innerlich wichtig ist.
In solchen Momenten tauchen Fragen auf wie:
"Ist das wirklich mein Weg?"
"Warum fühlt sich mein Leben manchmal so mechanisch an?"
"Was würde mir eigentlich wirklich Sinn geben?"
Ein Blick mit der Transaktionsanalyse
Die Transaktionsanalyse kann helfen, diese innere Spannung besser zu verstehen. Sie unterscheidet verschiedene Ich-Zustände: Eltern-Ich, Erwachsenen-Ich und Kind-Ich.
Diese beschreiben unterschiedliche Arten zu denken, zu fühlen und zu handeln. Dabei lohnt sich ein genauer Blick auf zwei unterschiedliche Perspektiven.
Das Funktionsmodell beschreibt das Verhalten, das von außen sichtbar ist.
Das Strukturmodell hingegen beschreibt, was innerlich geschieht.
Und hier kann etwas Interessantes passieren
Nach außen kannst du sehr erwachsen wirken: Du organisierst, entscheidest, planst und übernimmst Verantwortung.
Im Verhalten zeigst du also viel Erwachsenen-Ich. Innerlich können jedoch andere Ich-Zustände aktiv sein.
Zum Beispiel Fixierungen im Kind-Ich. Das sind frühe emotionale Erfahrungen, die nicht vollständig verarbeitet wurden und in dir weiterwirken.
Oder Introjekte im Eltern-Ich – verinnerlichte Haltungen und Botschaften wichtiger Bezugspersonen aus der Vergangenheit.
In solchen Momenten handelst du zwar äußerlich kompetent und erwachsen. Innerlich können jedoch alte Gefühle, Bewertungen oder Erwartungen wirksam sein.
So kann ein Leben entstehen, das nach außen gut funktioniert – und sich innerlich dennoch nicht wirklich stimmig anfühlt.
Die Ikigai-Perspektive: Was macht das Leben lebenswert?
Hier eröffnet das japanische Konzept des Ikigai eine interessante Perspektive. Ikigai lässt sich ungefähr übersetzen mit: "das, was das Leben lebenswert macht".
Eine wichtige Stimme in diesem Zusammenhang ist die japanische Psychiaterin Mieko Kamiya. Sie ging der Frage nach, welche Erfahrungen Menschen als sinnstiftend erleben. Dabei beschreibt sie verschiedene Dimensionen, die dazu beitragen können, dass das Leben als bedeutungsvoll erlebt wird:
Diese Dimensionen beschreiben grundlegende Bedürfnisse, die zum Erleben von Ikigai beitragen. Wenn sie in deinem Leben Raum finden und erfüllt werden, kannst du dein Leben als sinnhaft und lebenswert erfahren.
Fehlen sie über längere Zeit, kann dein Leben nach außen gut funktionieren und sich innerlich dennoch leer anfühlen.
Aus der Perspektive der Transaktionsanalyse könnte man auch sagen: Ikigai wird dort erlebbar, wo in dir jene Anteile aus dem Kind-Ich und dem Eltern-Ich mehr Raum bekommen, die Lebensfreude, Verbundenheit und Sinn fördern – und wo dein Erwachsenen-Ich diese Erfahrungen bewusst in dein Leben integriert.
Ein leises Warnsignal
Der Satz „Ich funktioniere – doch erfüllt bin ich nicht“ kann ein Hinweis sein.
Zum Beispiel darauf, …
… dass deine Werte im Alltag zu wenig Platz haben.
… dass du wichtige Bedürfnisse lange übergangen hast.
… dass Erfolg nicht automatisch Sinn bedeutet.
Manchmal ist diese leise Unzufriedenheit sogar ein wichtiger Wendepunkt. Denn sie öffnet eine andere Frage.
Nicht nur: "Was muss ich noch leisten?"
Sondern: "Was macht mein Leben eigentlich wirklich lebenswert?"
Eine Einladung zur Reflexion
Vielleicht möchtest du dir einen Moment Zeit nehmen und über drei Fragen nachdenken:
1. In welchen Momenten fühlst du dich wirklich lebendig?
Wann spürst du Energie, Freude oder Resonanz?
2. Welche Werte sind dir im Leben besonders wichtig?
Und wie sehr haben sie in deinem Alltag Platz?
3. Was würde sich verändern, wenn dein Leben nicht nur funktionieren müsste?
Ikigai kann dort entstehen, wo dein Erwachsenen-Ich den Anteilen aus deinem Eltern-Ich und deinem Kind-Ich Raum gibt, die deinem Leben Sinn und Lebendigkeit verleihen.
Beitragsbild: Jürg Bolliger

