Ein Mann, verdächtig!

Es geschah heute, kurz vor Mittag. Wie vereinbart, ging ich meiner jüngster Tochter, die vom Kindergarten kam, entgegen. Als sie mich erblickte, erstrahlt ihr Gesicht und sie erhöhte ihr Tempo. Sie rannte das Strässchen hinunter auf mich zu. Irgendwann hatte sie eine Geschwindigkeit erreicht, welche die Möglichkeiten ihrer Füsse und ihrer Beine überstieg. Sie fiel vornüber auf den Boden. Das Strahlen des Gesichts machte einem herzhaften Weinen Platz.

Sofort erhöhte ich meinerseits die Geschwindigkeit. Während ich auf Anaïs zueilte, nahm ich eine Frau war, die aus gegengesetzter Richtung kam. Ich hatte zwar nicht viel Zeit, um darüber nachzudenken, doch es kam mir vor, als wolle diese Frau vor mir bei Anaïs sein. Falls das wirklich ihr Ziel gewesen war, erreichte sie es nicht. Als sie beim weinenden Mädchen ankam, hatte ich dieses bereits in den Arm genommen.

“C'est votre fille?”, wollte sie wissen. Ich nahm einen kritischen Unterton wahr, der den Worten eine andere Bedeutung zu geben schien: “Finger weg von diesem Kind!” Ich zuckte innerlich zusammen und fühlte mich, als sei ich gerade bei etwas Bösem ertappt worden. Ich entschied mich, den Unterton zu überhören und auf ihre eigentliche Frage zu antworten: “Oui.” Sie schien nicht wirklich erleichtert, doch gab sie sich damit zufrieden und zog von dannen.

Mann - verdächtigIhre Frage und vor allem die unterschwellige Botschaft beschäftigten mich trotzdem noch.

Wirke ich wie ein Kinderschänder? Oder ist ein Mann, der sich einem Kind nähert, grundsätzlich schon einmal verdächtig? Ist Fürsorglichkeit etwas, das Männern nicht zugestanden wird? Was wäre gewesen, wenn das weinende Kind nicht meine Tochter gewesen wäre? Hätte ich mich dann zurückhalten müssen?

Gut, ich gebe zu, vielleicht habe ich jetzt etwas viel in die Frage der französischsprechenden Frau hineininterpretiert. Vielleicht war sie ja nur enttäuscht, weil sie sehr gerne hilft und das in diesem Fall nicht tun konnte.

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