Löwenzahn

Du bist für alle da – nur nicht für dich

Ein Spannungsfeld, das viele kennen – und wie du wieder bei dir ankommst

Kennst du das?

Du bist für andere da. Du hörst zu, unterstützt, übernimmst Verantwortung. Du nimmst wahr, was andere brauchen – und versuchst, darauf einzugehen. Oft ganz selbstverständlich, fast wie von selbst.

Du hältst Dinge zusammen, sorgst dafür, dass es läuft. Dass es anderen gut geht. Vieles davon machst du gerne.

Und doch gibt es manchmal diesen leisen Moment.

Kein Konflikt, keine große Erschöpfung. Eher ein stilles Innehalten – und ein kaum greifbares Gefühl:

Während du für andere da bist, kommst du selbst immer wieder ein Stück zu kurz.

Du bist präsent im Außen. Und zugleich entfernst du dich ein wenig von dir selbst.

Ein Spannungsfeld, das viele kennen

Für andere da zu sein, ist etwas Wertvolles. Es verbindet, schafft Nähe und gibt Orientierung. In Beziehungen entsteht viel Gutes genau dort, wo wir einander wahrnehmen und aufeinander eingehen.

Und gleichzeitig gibt es dich. Deine eigenen Bedürfnisse, deine Grenzen, das, was dir wichtig ist.

Beides gehört zusammen – und doch gerät es manchmal aus dem Gleichgewicht. Nicht plötzlich und nicht bewusst, eher schleichend.

Du reagierst auf das, was gebraucht wird. Du stellst dich ein, passt dich an, übernimmst Verantwortung. Und während du im Kontakt mit anderen bist, verlierst du den Kontakt zu dir selbst ein Stück.

Bahngleise

Foto: Jürg Bolliger

Das ist kein Entscheid gegen dich, sondern eher ein inneres Mitgehen mit dem, was gerade im Außen entsteht.

So wird dieses Spannungsfeld spürbar: Du bist für andere da – und gleichzeitig weniger für dich selbst.

In Beratungen und Seminaren begegnet mir dieses Spannungsfeld immer wieder. Oft ganz leise – und gleichzeitig mit grosser Wirkung im Erleben der Menschen.

Gesehen werden – und was du dafür gelernt hast

Das Spannungsfeld hat oft eine längere Geschichte.

Wir alle wollen wahrgenommen werden. Eric Berne, der Begründer der Transaktionsanalyse, spricht vom Anerkennungshunger. Die Nahrung für diesen Hunger wird Strokes genannt – Zeichen der Beachtung, des Wahrgenommenwerdens. Ein Blick, ein Wort, ein Danke. Etwas, das uns spüren lässt: Ich bin gemeint. Ich werde wahrgenommen.

Dieser Anerkennungshunger begleitet dich ein Leben lang. Gleichzeitig hast du früh gelernt, wofür du Anerkennung bekommst.

Vielleicht hast du erlebt, dass du gesehen und gelobt wirst, wenn du für andere da bist. Wenn du dich anpasst, mithilfst, Verantwortung übernimmst. Vielleicht auch dann, wenn du dich selbst ein Stück zurücknimmst.

Solche Erfahrungen prägen. Sie werden zu inneren Strategien – nicht bewusst gewählt, sondern gewachsen. Strategien, mit denen du gut gefahren bist und die dir geholfen haben, Anerkennung zu bekommen.

Und so kann es sein, dass du auch heute noch auf genau diese Muster zurückgreifst. Du bist für andere da. Du nimmst wahr, was sie brauchen, und stellst deine eigenen Bedürfnisse hinten an.

Nicht, weil du dir selbst weniger wert bist, sondern weil dein System gelernt hat: So bekomme ich Strokes. So werde ich gesehen.

Was früher sinnvoll war, wirkt weiter. Und gleichzeitig hat sich dein Handlungsspielraum längst erweitert.

Heute hast du andere Möglichkeiten, in Kontakt zu sein, Anerkennung zu erleben und dich zu zeigen – Wege, in denen du nicht weniger, sondern ganz da bist. Solange frühere Strategien wirksam sind, bleiben diese Möglichkeiten im Hintergrund.

Doch wie kommt es, dass diese frühen Strategien bis heute so wirksam bleiben?

Alte Strategien wirksam halten

Die Familie Schiff hat das Thema der Passivität in die Transaktionsanalyse eingebracht. Sie beschreiben sehr anschaulich, was abläuft, wenn du unbewusst an früheren Strategien festhältst.

Ein zentraler Mechanismus dabei ist das sogenannte Redefinieren.

Das bedeutet, dass ein Teil von dir Aspekte deiner Wahrnehmung oder deines Erlebens so umdeutet, dass sie zu deinen früheren Überzeugungen und Strategien passen.

Redefinitionen bestehen aus inneren Prozessen, die sich in äußeren Erscheinungen zeigen.

Ein zentraler innerer Prozess ist das, was in der Transaktionsanalyse als Discounten bezeichnet wird. Damit ist gemeint, dass du wesentliche Aspekte ausblendest oder ihnen nicht den nötigen Stellenwert beimisst.

Im Zusammenhang mit dem Thema dieses Artikels nimmst du deine eigenen Bedürfnisse nicht wahr oder misst ihnen weniger Bedeutung bei. Gleichzeitig blendest du Möglichkeiten aus, gut für dich zu sorgen – oder auf eine andere Weise Anerkennung zu bekommen.

Auch das, was andere selbst beitragen könnten, gerät aus dem Blick.

So entsteht ein verzerrtes Bild der Situation – eines, in dem du weniger Raum hast, als eigentlich möglich wäre.

Oft geht das Hand in Hand mit einer Form von Grandiosität. Gewisse Themen werden übergroß. Zum Beispiel die Überzeugung, dass nur du dafür sorgen kannst, dass die Bedürfnisse anderer erfüllt werden. Dass du verantwortlich bist für ihre Stimmung, ihr Wohlbefinden.

Auch das spielt sich weitgehend im unbewussten Bereich ab.

Diese inneren Prozesse bleiben selten unsichtbar. Sie zeigen sich in äußeren Erscheinungen – zum Beispiel in passiven Verhaltensweisen.

Eine dieser Verhaltensweisen ist die Überanpassung. Du erfüllst Erwartungen. Manchmal klare, oft auch nur vermutete. Du richtest dich danach, was gebraucht wird – oder was du glaubst, dass gebraucht wird.

Und dabei kann es passieren, dass du dich selbst einschränkst, dich zurückhältst oder innerlich klein machst.

So hältst du ein Muster aufrecht, in dem du selbst wenig Raum erhältst.

Ikigai-Perspektive – der verlorene Kontakt

Wenn du so unterwegs bist, hat das nicht nur Auswirkungen darauf, wie du handelst. Es verändert auch, wie du dich selbst erlebst.

Du bist präsent für andere. Du spürst, was andere brauchen, reagierst, gestaltest, hältst zusammen, fühlst dich verantwortlich.

Und zugleich wird der Kontakt zu dir selbst leiser.

In der Ikigai-Perspektive entsteht Sinn nicht primär durch das, was du tust, sondern durch die Qualität, mit der du im Moment bist.

Genau dafür braucht es einen guten Kontakt zu dir selbst und deinem Inneren.

Mieko Kamiya beschreibt sieben Dimensionen von Ikigai. Sie lassen sich auch als grundlegende Bedürfnisse verstehen – Bedürfnisse nach Lebenszufriedenheit, Wachstum und Veränderung, einer guten Zukunft, Resonanz, Freiheit, Selbstverwirklichung sowie Bedeutung und Wert. Ihre Erfüllung bringt dich in Kontakt mit dem, was dein Leben lebenswert macht.

Wenn du deine eigenen Bedürfnisse weniger wahrnimmst oder zurückstellst, weil du dich stark an dem orientierst, was andere brauchen, rücken auch diese Dimensionen in den Hintergrund. Nicht, weil sie verschwunden sind, sondern weil du ihnen nicht den Stellenwert gibst, der ihnen gebührt.

Wenn deine Aufmerksamkeit so stark auf den Bedürfnissen anderer liegt, dass du deine eigenen in den Hintergrund stellst, entfernst du dich von deinem Ikigai – von dem, was deinem Leben Sinn und Lebendigkeit gibt.

Nicht, weil es nicht da wäre, sondern weil dein Fokus gerade woanders liegt.

Und genau hier kann sich etwas verändern.

Zurück zu dir – und dadurch präsenter für andere

Wenn du bemerkst, dass du dich von dir selbst entfernst, kann genau darin ein Wendepunkt liegen. Nicht im Sinne einer radikalen Veränderung, sondern als sanfte Bewegung zurück zu dir.

Es geht nicht darum, dich überhaupt nicht mehr um andere zu kümmern. Sondern darum, dich selbst darin wieder mitzunehmen.

Vielleicht beginnt es damit, dass du dich und deine Bedürfnisse wieder mehr wahrnimmst. Dass du einen Moment innehältst und dich fragst: Was ist gerade bei mir da? Was brauche ich? Was ist mir wichtig?

Solche Momente sind oft unscheinbar. Und gleichzeitig verändern sie etwas.

Du kommst wieder in Kontakt mit dir selbst – mit deinem Inneren, deinen Bedürfnissen und deiner eigenen Lebendigkeit.

Strasse

Foto: Jürg Bolliger

Die Energie und Fähigkeit, die du bisher dafür eingesetzt hast, für andere da zu sein und Verantwortung zu übernehmen, kannst du auch für dich nutzen. Für dein Inneres. In der Sprache der Transaktionsanalyse: für die Bedürfnisse deines Kind-Ichs.

Und genau das wirkt auch nach außen.

Wenn du bei dir bist, wirst du klarer. Du kannst besser unterscheiden, was wirklich gebraucht wird – von dir und von anderen. Dein Dasein wird weniger von Anpassung geprägt und mehr von Präsenz. Es bekommt dadurch eine ganz andere Qualität.

Du bist nicht weniger für andere da, sondern anders. Nicht aus einem inneren Müssen heraus, sondern aus einer bewussteren Entscheidung.

Und darin kann etwas entstehen, das in den Hintergrund geraten ist: eine Form von Begegnung, in der du selbst wieder vorkommst.


Beitragsbild: Jürg Bolliger

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